Ein Weg, dem Priesterberuf auch in der säkularen Welt weiterhin Geltung und Bedeutung zu verschaffen, besteht in der Strategie, das traditionelle Priesterverständnis weltlich umzudeuten. Der Priesterdienst kann aus dieser Sicht verstanden werden als Engagement für „die Sache Jesu“. Zu meiner Studienzeit, in der die rebellischen 68er Jahre noch nachhalten, lag dieses Priesterverständnis für manche politisch wachen Theologen auf der Hand. Die „Sache Jesu“ verstanden sie als Befreiung aus politischen Herrschaftsstrukturen oder aus seelischer Knechtung, und Heil war für sie ein gerechtes „Gottesreich“ hier und jetzt auf Erden und nicht irgendwann im Himmel. Diese säkulare Umdeutung der herkömmlichen religiösen Vorstellungen findet wohl auch heute noch Zustimmung.
Die Segel nach dem Winde richten
Für mich war das aber keine Option. Ich konnte den Mehrwert nicht sehen, der den Priesterberuf zur Schaffung des Gottesreiches auf Erden besser befähigt hätte als ganz weltliche Kräfte und Berufe. Der theologische Beitrag war meiner Einschätzung nach meist nur rhetorischer Art und bestand lediglich in einer religiösen Etikettierung des profanen Engagements. Das machte für mich die Sache unnötig kompliziert. Abgesehen davon hatte ich den Eindruck, dass die Theologie weltlichen Bemühungen meist nur hinterher hinke und „ihre Segel nach den Winden“ setze, „die gerade vorherrschen“, wie ich in meiner Arbeit schrieb und feststellte, die Theologie sei „abhängigen Variablen geworden, welche sich ihre Themen von aussen geben lässt, dabei aber stets um den Nachweis bemüht ist, dass sie schon immer gelehrt habe, was sich nunmehr in weltlichem Gewand zeigt. Wie im Märchen ist sie der Igel, der immer schon da ist, wo die anderen erst ankommen.“
Der Glaube eines Ketzers
Dieser theologische Überheblichkeit hat mich immer sehr geärgert und mich in die Arme theologiekritischer Autoren getrieben wie Hans Albert und seinem Buch „Traktat über kritische Vernunft“ oder Ernst Topitsch und dem Buch „Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik“. Besonders aus dem Herzen gesprochen hat mir Walter Kaufmann mit „Der Glaube eines Ketzers“. Dieses Buch habe ich richtig verschlungen und sah mich in meinem Eindruck bestätigt, wenn er etwa sagte: „Theologie ist der systematische Versuch, den neuesten Wein in die alten Schläuche einer Konfession zu giessen.“ oder „Wo der Häretiker nein sagen würde, beginnt der Theologe zu interpretieren.“
Mühe bekundete ich auch mit den theologischen Versuchen, die herkömmlichen Glaubensinhalte in eine „zeitgemässe Sprache“ zu übersetzen, damit die Menschen von heute sie wieder verstünden. Ich hatte den Eindruck, dass diese Versuche die Tragweite des veränderten Weltbildes unterschätzten oder sie gar nicht erst erfasst hätten. Mit dieser Veränderung sind nicht nur einige „zeitbedingte“ Nebensächlichkeiten des Glaubens unverständlich geworden, sondern „ganze Sinnstrukturen, innerhalb deren bestimmte Aussagen als plausibel oder als nicht mehr nachvollziehbar erscheinen“, wie es der Soziologe Franz Xaver Kaufmann ausdrückte.