Schlagwort: Kapitel 16

  • Religion als Erfahrung und Geschmack für das Unendliche

    Da weder eine säkulare Umdeutung noch ein heroisches intellektuelles Opfer meinen entzauberten Glauben retten konnten, erwog ich noch einen dritten Weg, jenen der Religion als Erfahrung.

    Dabei kam mir der Geist der Skepsis zu Hilfe. Er hat mich ja zur Erkenntnis geführt, dass Gott zum Vorschein kommt, wenn alle menschlichen Erkenntnisversuche gescheitert sind. Das ist der Weg der Mystik. Im Gegensatz zu den Offenbarungsreligionen mit ihren heiligen Schriften begegnet sie dem Göttlichen nicht in heiligen Schriften oder dogmatischen Lehren, sondern in der eignen Innerlichkeit. Sie „weiss“ Gott nicht, sie erfährt ihn. Erfahrung aber ist ein Thema der Psychologie, nicht der Theologie.

    Das trunkene Bewusstsein

    So machte ich mich bei der Religionspsychologie kundig, allen voran beim amerikanischen Philosophen William James und seinem Klassiker „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“. Nach James besteht „das grosse Werk der Mystik“ in der Überwindung aller gewöhnlichen Barrieren zwischen dem Einzelnen und dem Absoluten“. In mystischen Zuständen werden wir „eins mit dem Absoluten, und wir werden uns dieser Absolutheit bewusst.“ (James 389) Für gewöhnlich verhindert „unser normales waches Bewusstsein, das rationale Bewusstsein“ aber diese Einheitserfahrung. Alle Religionen kennen aber spirituelle Traditionen, mit denen mystisches Bewusstsein kultiviert wird. in östlichen Traditionen ist ein Beispiel dafür Yoga, in der islamischen Welt sind es sufistische Übungen und im Christentum Kontemplation und Meditation. Aber auch nichtreligiöse Praktiken können mystische Einheitserlebnisse anregen, indem sie das Normalbewusstsein in den Hintergrund drängen, mit Rauschmitteln zum Beispiel. „Das trunkene Bewusstsein ist ein Stück des mystischen Bewusstseins,“ schreibt James(James 365)

    James erwähnt auch „Naturansichten“, die „eine besondere Kraft“ hätten, „mystische Stimmungen zu erwecken“. Als Beispiel zitiert er die deutsche Schriftstellerin Malvida von Meysenburg, die einst am Strand, „vor dem grenzenlosen Ozean, dem Symbol der Unendlichkeit“ sich plötzlich inne wurde, was beten wirklich bedeute: „zurückkehren aus der Einsamkeit des Einzelnseins in das Bewusstsein des Einsseins mit allem“. (Zaehner 65. James 369)

    Naturmystik

    Beispiele solcher „Naturmystik“ finden sich ebenso im Buch „Mystik. Religiös und profan“ des Mystikexperten Robert C. Zaehner, das ich mir gründlich zu Gemüte geführt habe. Zaehner setzt sich in seinem Buch auch mit dem Thema Rausch und Mystik auseinander und diskutiert die Schrift „Die Pforten der Wahrnehmung“ des britischen Dichters und Philosophen Aldous Huxley. Auf der Suche nach einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie, und der „visio beatifica“, der beseligenden Schau, experimentierte Huxley mit psychedelischen Substanzen, die er als Türöffner zu mystischen Erfahrungen sah.

    Diese Spur hat der Schweizer LSD-Entdecker Albert Hofmann aufgenommen, der mit Huxley befreundet war. In seinem Buch „LSD – Mein Sorgenkind“ schildert auch Hofmann ein naturmystisches Erlebnis, das ihm in einem Wald bei Baden, wo er aufwuchs, widerfahren ist. Der frischergrünte Frühlingswald, schreibt er, sei ihm plötzlich „in einem ungewöhnlich klaren Licht“ erschienen und ein „unbeschreibliches Glücksgefühl der Zugehörigkeit und seligen Geborgenheit“ habe ihn durchströmt.

    Solche Schilderungen einer „Naturmystik“ oder eines „kosmischen Bewusstseins“ sprachen mich sehr an. Vielleicht rührte das daher, dass ich in meiner Kindheit in einer naturnahen Umgebung aufgewachsen bin und religiöse Vorstellungen eingebunden in die Natur erlebt habe. Jedenfalls hat mich die Verbindung von Natur und Religion immer besonders interessiert. Das habe ich schon erwähnt und gesagt, dass ich zu diesem Thema leider in der Theologie nur wenig gefunden habe, was meine Interesse hätte stillen können.

    Sinnbilder eines Unvergänglichen

    Dagegen fand ich die naturmystische Stimmung in der Kunst ausgedrückt, zum Beispiel in den Gemälden von Caspar David Friedrich oder bei Giovanni Segantini, den ich besonders schätze. Für Segantini waren Naturbilder mehr als Darstellungen der Natur. Es waren „Sinnbilder eines Unvergänglichen, Ahnung des Göttlichen“. Segantini selbst sagte, im Anblick der Berge fühle er sich gedrängt, sich „vor ihnen niederzuwerfen als vor lauter unter dem Himmel aufgerichteten Altären“. (Zbinden) 

    Die Suche nach religiösen Traditionen, die mystische Erfahrungen in den Vordergrund stellen, führte mich auch zu östlichen Religionen und zu Autoren, die versuchten östliche Traditionen mit dem Christentum zu verbinden wie den Jesuitenpater und Zenmeister Hugo Enomiya-Lassalle. Östliche Religionstraditionen

    Der taoistische Meister

    Am sympathischsten aber wurde mir der Taoismus, den ich in der Vermittlung des britischen Religionsphilosophen Alan Watts ein bisschen näher kennen lernte. Wäre ich nicht in den christlichen Glauben katholischer Prägung hineingewachsen und hätte ich mich selbst für eine Religion entscheiden müssen, ich glaube, ich hätte den Taoismus gewählt. Und als Lehrer hätte ich mir den weisen und heiteren Dschuang Dsï gewünscht, wie er sich in „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ zeigt.

    Die Unsterblichkeit der Religion

    Viel später, zu meiner Zeit als Seelsorger, habe ich den Theologen aus der Romantik, Friedrich Schleiermacher, neu entdeckt. Er wollte die Religion den aufgeklärten „Gebildeten unter ihren Verächtern“ wieder schmackhaft machen und formulierte Gedanken, wie ich sie darzulegen versucht habe. Für Schleiermacher war das Wesen der Religion „weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl“, nämlich „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“. Dieses seiner Meinung nach allgemein menschliche Gefühl beschreibt er so: „Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion.“