Schlagwort: Kapitel 20

  • Schönheit liegt im Auge des Betrachters und die Erkenntnis eines Bischofs

    Die Vertiefung in die Fragen der Wahrnehmung der Realität weckte bei mir die Erinnerung an ein Aha-Erlebnis in meiner Studentenzeit während einer Bahnfahrt nach Hause. Ich war aus irgendeinem Grund besonders heiter gestimmt, und erlebte jetzt auch die vorbeiziehende Landschaft besonders heiter und attraktiv, obwohl sie mir bisher farblos und banal vorgekommen war. Da hatte ich erfasst und begriffen, was die Redewendung bedeutet, die sagt: „Die Welt ist der Spiegel der Seele“.

    Was ich als frische Einsicht erlebte, ist für gestandene Philosophen eine alte Erkenntnis. Schon die Erkenntnistheorie des Kirchenlehrers Thomas von Aquin habe das gewusst, erklärte mir ein gescheiter Kommilitone, der in der mittelalterlichen Scholastik bewandert war und zitierte den Satz „Quidquid recipitur ad modum recipientis recipitur“. Frei übersetzt: „Wir nehmen Dinge nicht wahr, wie sie sind, sondern wie wir sind“. Oder, wie es die Redewendung poetischer sagt: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“.

    Die neurologische Brille

    Diese Erkenntnis hat schon im 18. Jahrhundert der englische Philosoph David Hume in seiner Schrift „Von der Regel des Geschmacks“ formuliert: „Schönheit ist keine Eigenschaft der Dinge selbst. Sie existiert in dem Geist, der sie betrachtet, und jeder Geist nimmt eine andere Schönheit wahr.“ Wir erfahren nicht die Wirklichkeit an sich, sondern unsere Interpretationen der Wirklichkeit. Was wir wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen, schafft unser Bewusstsein.

    Die philosophische Erkenntnislehre, oder wenigstens einige ihrer Strömungen, sehen die Frage der Wirklichkeit also ähnlich wie die Gehirnwissenschaften, die Wir nehmen nicht die Welt wahr, sondern immer nur das Weltmodell, das unser Gehirn konstruiert. Wir sehen die Welt immer nur durch unsere neurobiologische Brille.

    Esse est percipi

    Unversehens bin ich da also mit meinem Interesse am Gehirn in ein Kernthema der Philosophie hinein gerutscht – der „Epistemologie“ –, das mir damals in den philosophischen Vorlesungen in Luzern noch sehr abstrakt vorgekommen war. Und es schien mir, dass ich nun auch den Satz des irischen Philosophen und anglikanischen Bischofs George Berkley begreifen konnte : „esse est percipi“ – „Sein heisst wahrgenommen werden“., der dem normalen Menschenverstand schwer einleuchtet Der Bischof war der Ansicht, dass Dinge nur insofern existieren, als sie wahrgenommen werden. Eine von unserer Wahrnehmung unabhängige Wirklichkeit gebe es nicht. Diese Ansicht des Bischofs leuchtet dem normalen Menschenverstand schwer ein, aber ich neige dazu, ihr zuzustimmen.