Eine Entdeckung an der Schipfe und der Turm von Montaigne
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Am 18. Dezember 2010 machte ich an der Schipfe in Zürich eine Entdeckung, die den Anstoss zu dieser Website gab. Mit Mirjam spazierte ich an diesem kalten Wintertag durch Zürich und sah am Fensterladen eines kleinen Geschäftes das Zitat „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“ Als Autor stand Eugène Ionesco unter dem Zitat.
Der Satz klingt dunkel und rätselhaft. Wie ihn Ionesco gemeint hat, konnte ich nie herausfinden, nicht einmal, ob das Zitat überhaupt von ihm stammt. Aber das Zitat berührte mich. Es fiel auf bereiten Boden und löste spontane Resonanz in mir aus. Irgendwie schien es auf den Punkt zu bringen, was in mir lange schlummerte und gärte. Es wirkte wie die Quintessenz meiner Einsichten und Gedanken. Daher nahm ich mir vor, dem Interesse an dem Zitat gründlicher nachzuforschen und setzte diese Aufgabe als Projekt für die Zeit nach dem Berufsleben auf meine Liste.
Schon in früheren Jahren hatte ich Vorstellungen, wie ich meinen Ruhestand gestalten wollte. Mir schwebte vor, an einem wohligen Ort in Musse meinen Gedanken nachzuhängen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Vorbild dieses Traumes war Michel de Montaigne, der französische Philosoph und Humanist, der im 16. Jahrhundert diese Vision verwirklicht hatte. Auf seinem Schloss im Périgord im heutigen Departement Dordogne machte er sich in einem Turmgemach Gedenken über sein Leben und die Einsichten, die es ihm beschert hatte, und schrieb sie freimütig nieder in seinem Werk „Die Essais“.Auf diese Essais bin ich gestossen während meines Theologiestudiums, das mich zum Zweifler gemacht hatte und mich nach Verwandten im Geiste suchen liess. Montaigne war eine der ersten Adressen. Montaignes Wahlspruch lautete „Que sais-je?“ – „Was kann ich schon wissen?“. Der Philosoph hatte die Grenzen menschlicher Erkenntnis durchschaut und hegte eine tiefe Skepsis gegen alle menschlichen Gewissheitsansprüche. Die französischen Religionskriege hatten ihm vor Augen geführt, was Gewissheitswahn und Dogmatismus anrichten konnten, und auf seinen Reisen erlebte er, wie relativ Weltbilder sind. Was ist dran an einer „Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird?“, fragte er sich in einem seiner Essais.[1](#c445e765-41df-4cc1-bacf-acb3164a8d16) (Montaigne, Essais, Seite 228)
In Montaignes Gedanken fand ich ausgedrückt, was mich damals zunehmend beschäftigte. Immer mehr öffnete sich während des Studiums mein Blick für die Relativität meines eigenen Weltbildes. Die Sinnwelt, in die ich als Kind hineingewachsen war, und die mir als fraglose Gewissheit erschien, wurde immer zweifelhafter. Das geht den meisten Menschen vermutlich nicht anders. Aber die wenigsten sehen darin wohl ein existentielles Problem. Ich konnte diesem Problem nicht ausweichen. Von Berufs wegen war ich gezwungen, mit meinem Weltbild zu ringen. Ich hatte einen Berufsweg eingeschlagen, dessen Fundament das ererbte Weltbild war. Als Priester sollte ich sogar zum Spezialisten dieses Weltbildes werden, zum Sinnexperten in einer Sinnstiftungsagentur, die über die letzten Dinge und höchsten Wahrheiten Bescheid zu wissen und Auskunft geben zu können glaubt.
Meine Skepsis hat es mir verunmöglicht an mein ursprüngliches Berufsziel zu gelangen. Sie gab meinem Lebensweg eine andere Wendung. Am Schluss war es aber wieder die Skepsis, die mich dem ursprünglichen Ziel in abgewandelter Form näher brachte. Grund dafür ist die Einsicht, wie sie sich im Zitat findet: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“ Unter diesem Leitgedanken blicke ich hier auf meinen Lebensweg zurück und versuche mir einen Reim auf seine diversen Stationen zu machen. Ich schaffe damit in erster Linie für mich Klarheit. Gern schliesse ich mich aber auch dem Rat an, den Montaigne seinen Essais vorangestellt hat: „Ich wünschte, es könnte meinen Verwandten und meinen Freunden nützlich sein: Wenn ich nicht mehr bei ihnen bin, können sie in diesem Buche vielleicht einige Züge meines Wesens und meiner Gemütsart wiederfinden und dadurch das Bild, das sie von mir gewonnen haben, vervollständigen und beleben.“
Ich bin 1953 auf dem Kanapee eines Arbeiterhauses an der Hauptstrasse in Grellingen im Laufental zur Welt gekommen. Mein Vater war Werkmeister in der Schappe, einer Fabrik zur Seidenverarbeitung, wo auch meine Mutter früher gearbeitet hatte. Das halbe Dorf Grellingen war bei der Schappe beschäftigt. Für mich war die Fabrik die „Fraubrik“, weil ich beim Schichtwechsel immer Scharen von Frauen durch die Fabrikpforte strömen sah. Ich hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, Liselotte, und einen Bruder, Konrad, der schon früh verstorben war. An Heiligabend ging der Vater mit uns sein Grab auf dem Friedhof besuchen, während das Christkind daheim den Weihnachtsbaum schmückte und die Geschenke darunter legte. Im Advent hatten wir ein Brieflein mit unseren Wünschen vors Fenster gelegt und gespannt gewartet, bis es vom Christkind abgeholt wurde.
Das Laufental gehört seit alters zum Bistum Basel und war geprägt vom katholischen Glauben mit seinen Bräuchen und Riten. Gütige Ordensschwestern mit geschwungenen Hauben betreuten den Kindergarten, und meine Primarlehrerin ging später in die Missionen. Am Sonntag gehörte der Besuch der Heiligen Messe zum festen Programm. In adretten Sonntagskleidchen schritten wir mit unserer Mutter auf der Hauptstrasse ohne Trottoir zur Pfarrkirche am anderen Dorfende. Wenn ich brav war und nicht vor Langeweile auf der Kirchenbank herumturnte, gab es beim Bäcker Jakob nach der Messe eine Glace.
Für die meisten Leute war der Glaube damals das Selbstverständlichste der Welt. Auch meine Mutter praktizierte ihn gewissenhaft ohne Frömmelei. Nur einmal habe ich erlebt, wie sie sich mit Tante Olgi, eine ihrer zahlreichen Schwestern und stramme Katholikin, heftig über irgendein Glaubensdetail stritt. Sonst aber war der Glaube da als stumme Gewissheit, eingewoben in das Leben, Denken und Fühlen der Menschen. Er war das, was der Philosoph Karl Jaspers beschreibt als eine Lebenswelt, die mit der Seele „verwachsen“ ist. Diese „erlebte, mit der Seele verwachsene Welt“, sei, schreibt Jaspers, „nicht formuliert und gegenständlich gewusst“, jedoch „eminent wirksam“ „als ‚Lebenswissen’, als Können, als Gefühl und Wertung“. 1
Mein Vater besuchte die Messe lieber im Kloster Mariastein, wohin er mit dem Velo fuhr und mich manchmal auf dem Kindersitz mitnahm. Er war kein eingefleischter Katholik und neigte eher dem Freisinn als den Katholisch-Konservativen zu, wie mir später meine Mutter sagte. Aber von der Macht und Pracht der katholischen Kirche war auch er angetan. Als Papst Pius XII. starb, kaufte er für damals teures Geld die Illustrierte „Paris Match“, die in epischer Breite mit Bild und Text über den Papst und sein Begräbnis berichtete.
Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Vater an einem Leberleiden. Während er daheim in der Stube aufgebahrt wurde, schickte mich die Verwandtschaft zur Ablenkung ins Dorf, um beim Metzger etwas einzukaufen. Dieser wollte von mir wissen, ob mein Vater gestorben sei, wie es sich im Dorf herum gesprochen hatte. Ich wusste von nichts, und er reichte mir ein Rädchen Wurst.
Fortan musste meine Mutter für die Familie sorgen. Sie ging wieder in der Schappe arbeiten. Während sie das Haus frühmorgens zur Arbeit verliess, machten wir Kinder uns selbständig auf zur Schule, den eisernen Hausschlüssel um den Hals gebunden.
Anfang der sechziger Jahre wechselte die Mutter in das Schappe-Werk Angenstein bei Aesch im Baselbiet, und wir zogen nach Aesch in eine Arbeitersiedlung der Schappe beim Bahnhof.
Die Wohnung war klein und ohne Komfort. Es gab kein Warmwasser, gebadet wurde in der Waschküche und geheizt mit Holz und Kohle. Zum Telefonieren gingen wir in die Telefonkabine am Bahnhof. Unterhaltung und Nachrichten bot uns das Radio. Ich mag mich noch an die Nachricht eines frühen Morgens erinnern, dass Präsident Kennedy erschossen worden sei. Der einzige Fernseher weit und breit stand bei unserem Nachbarn mit dem gelähmten Bein. Hier durften wir «Fury», «Lassy», «Ivanhoe», «Am Fuss der Blauen Berge» oder «Es darf gelacht werden» schauen, bis die Herrlichkeit vorbei war, weil das Bild zu flimmern und zu laufen begann.
Meine Mutter war eine lebensfrohe, eigenständige und zupackende Frau. Bald nach dem Einzug hatte sie unsere Arbeiterwohnung mit Durchlauferhitzer, Ölofen und Kühlschrank aufgerüstet und auch Geld gespart für Ferien in Cesenatico an der Adria und später in Minori an der Amalfiküste, wo wir bei einer Italienerfamilie eingeladen waren.
Trotz seiner Bescheidenheit war für uns Kinder der Wohnort an der Industriestrasse ein kleines Paradies. Hier konnten wir nach Herzenslust im Freien spielen, der Birs entlang Streifzüge unternehmen, uns am Bahnhof herumtreiben oder in den nahen Wald eintauchen. Im Garten sahen wir die Beeren reifen, das Gemüse wachsen und Tulpen und Gladiolen aus der Erde spriessen. Zur Sommerzeit entfaltete sich die Vegetation am Flussufer mit Wucht, und ich kam mir vor wie ein Naturforscher, wenn ich Expeditionen durch das Dickicht unternahm. In einem frühen Schulaufsatz habe ich auch [die Hühner](https://markus.maiweb.ch/wp-content/uploads/2026/07/Die-Huehner.pdf) der Frau Hofer verewigt.
Viele Nachbarn in der Arbeitersiedlung waren Gastarbeiter aus Italien. Wir gingen ein und aus in ihren Wohnungen, rochen den Duft ihrer köchelnden Fleischsaucen und besuchten am Samstagabend mit ihnen das „Ritrovo“, wo sie sich zu Geselligkeit trafen und Filme aus der Heimat schauten. Amüsant fanden wir die Namen unserer Hausbewohner nebenan: Oben wohnte eine Familie Pollo und unten eine Familie Pulcini, also eine Familie Huhn und eine Familie Küken.
In der Schule war der Religionsunterricht fest im Stundenplan verankert. Als Erstklässler durften wir auf Bibelillustrationen den lieben Gott ausmalen, wie er im Zorn Adam und Eva aus dem Paradies jagte. Später verwandelten sich die heilgeschichtlichen Illustrationen zu unserer Enttäuschung in langweilige Symbolzeichnungen. Auf der Oberstufe erzählte uns der Vikar einst von einem frechen Philosophen, der behauptet habe, Gott sei tot, und er ersetzte den Satz „Gott ist tot“ an der Wandtafel triumphierend mit „Nietzsche ist tot“.
Am Samstag war der Gang zur Beichte lästige Pflicht. Wir flüsterten unsere Sünden im Beichtstuhl ins Ohr des Beichtvaters, und hofften, dass er bei heiklen Punkten nicht nachhakte. Nach der Absolution beteten wir im Hochgefühl der Sündenbefreiung die Vaterunser, die uns als Busse aufgebrummt wurden.
Nach der Erstkommunion wurde ich für würdig befunden, in den Kreis der Ministranten aufgenommen zu werden. Mit dem Oberministranten Franz lernte ich lateinische Messtexte auswendig, das Stufengebet „Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam – Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut“, das Confiteor, das Credo und andere Gebete. Was ich betete, wusste ich nicht. Wenn mir während der Messe der Text entfiel, überbrückte ich die Lücke mit Gemurmel bis ich wieder festen lateinischen Boden unter den Füssen hatte.
Den katholische Kosmos mit seinen Riten und Traditionen erlebte ich in meiner Kindheit noch als wirkmächtig und intakt. Doch am Horizont kündigten sich einschneidende Veränderungen an. Ich erinnere mich an unseren Pfarrer, einen hochgewachsenen, strengen und hochwürdigen Herrn, der meist sehr ernst auftrat. Aber auch er konnte seine Begeisterung nicht verbergen, als er von einem Ereignis sprach, das demnächst in Rom stattfinde und ungemein wichtig sei. Gemeint war das Zweite Vatikanische Konzil.
Eigenartigerweise habe ich kaum mehr Erinnerungen an den Religionsunterricht an der Stiftsschule. An einer Klosterschule würde man eigentlich die Thematisierung von Glaubensfragen erwarten. Doch die katholische Welt war so tief ins Klosterleben eingewoben und allgegenwärtig, dass sie nicht eigens thematisiert werden musste. Religion war nicht primär Dogma, sondern fleischgewordene Wirklichkeit in Stimmung, Ton, Geruch. Auf Schritt und Tritt war der katholische Glaube unausgesprochen erlebbar, in der barocken Architektur, den endlosen Klostergängen mit den Bildern an den Wänden, im Tagesrhythmus des klösterlichen Lebens mit seinen Ritualen, liturgischen Veranstaltungen und seiner gepflegten Musikkultur.
Die Klausur, den geschlossene Bereich, wo die Mönche lebten, durften wir nur ausnahmsweise betreten, für die Besprechung einer schulischen Frage zum Beispiel. Aber wir lebten unter einem Dach mit den Mönchen und erlebten ihren Mönchsalltag, der von Arbeit und Gebet geprägt war nach dem Grundsatz von Sankt Benedikt „ora et labora“. Die meisten Mönche waren geerdete Männer, keine versponnenen Scholastiker. Wir sahen sie beim Breviergebet durch den Klostergarten tigern und feierten ihre Rituale mit. In der Karwoche konnten wir ihren Klagegesängen, den „Lamentationes“, lauschen, und wenn ein Mönch gestorben war, nahmen wir an seinem Begräbnis teil und freuten uns, dass die Schule ausfiel. Eindrücklich war der Abschied von einem Mitbruder, wenn die Mönchsgemeinschaft im Kreis um den offenen Sarg den Gesang „In paradiso“ anstimmte, und schauerlich war das Quietschen, wenn der Sarg auf einem Brett in die Gruft glitt.
Die Stiftsschüler stammten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, vor dem Herrgott aber und den schulischen Anforderungen waren alle gleich. Ich mochte gut mithalten in der Schule und machte [gute Noten.](https://markus.maiweb.ch/wp-content/uploads/2026/07/Stiftsschule-Zeugnis-1-Klasse-red.pdf) Nur einmal misslang mir eine Griechischprüfung massiv. Es war der Tag, an dem mich der Präfekt zu sich rief und mir mitteilte, dass meine Schwester Liselotte gestorben sei an einem Asthmaanfall. Das war sehr schlimm für mich. Ich war damals vierzehn. Im Nachhinein sah der Griechischpater eine Erklärung für die schlechte Prüfungsnote darin, dass ich unbewusst etwas geahnt haben könnte vom Tod. Solche Vorahnungen kämen vor bei sensiblen Menschen. Ich finde mich nicht besonders sensibel. Jahrzehnte später hatte ich aber doch ein anderes erstaunliches Erlebnis. Eines Morgens wachte ich auf mit einem Auge, das gänzlich mit Blut unterlaufen war. Noch nie hatte ich Ähnliches erlebt und konnte keine Ursache dafür finden. Bei einem Besuch im Altersheim kurz darauf erzählte mir meine Mutter beiläufig, dass sie in jener Nacht aus dem Bett gefallen sei und am Kopf geblutet habe.
Zu meiner Zeit an der Stiftsschule gingen in der Welt ausserhalb des Klosters die Wogen hoch mit den Unruhen der 68er Jahre. An den Klostermauern prallten sie weitgehend ab. Es gab einige Klassen, wo sich rebellische Unruhe regte. Auch Anflüge von Bemühungen um basisdemokratische Mitbestimmung waren bei den Mönchen auszumachen. Sie liessen uns wählen, ob wir zum Zvieri lieber Joghurt oder Kägifret hätten. Sonst aber blieb es ruhig hinter den Klostermauern.
Doch der Aufbruch in eine neue Zeit war auch hier nicht mehr aufzuhalten. So beschlossen die Mönche, die acht Gymnsialjahre auf sieben zu verkürzen und den Maturtyp B mit Englisch wurde einzuführen. Die Haare der Klosterschüler wurden länger, und auch Mädchen waren nun auch an der Stiftsschule zugelassen. Schon einige Jahr zuvor war die Soutane für die Studenten abgeschafft worden.
Auch in der Klostergemeinschaft gärte der neue Zeitgeist, was sich darin zeigte, dass gelegentlich Mönche fehlten, wenn wir aus den Sommerferien zurückkehrten. Sie hatten das Kloster verlassen. Sogar der Abt war verschwunden, als wir eines Tages nach den Sommerferien zurück kehrten.
Im Sommer 1973 machte ich die Matura. An einem Freitag ging die siebenjährige Zeit an der Stiftsschule ganz prosaisch zu Ende, und am Montag rückte ich in die Rekrutenschule ein.
Normalerweise wurde das Ende des Schuljahres jeweils mit einem langen Umzug durch Einsiedeln begangen, an dem alle Studenten hinter der Studentenmusik her marschierten und das Lied „Ah, ah, ah, valete studia“ schmetterten. Das war für mich immer der Moment einer grossen Befreiung vom Druck der Schule und der Vorfreude auf die grossen Ferien. Das gleiche Gefühl erlebte ich jeweils am Ostersonntag, wenn bei der Tagwache das „Halleluja“ von Händel aus den Lautsprechern erklang, und die Frühlingsferien begannen.
Nach der Matura liess ich mir Zeit, bis ich das Theologiestudium begann. Vielleicht war ich noch nicht ganz oder nicht mehr ganz überzeugt vom Berufsweg, dessen erste Etappe die Stiftsschule Einsiedeln war. Auf der Maturabroschüre gab ich als Studienfach „Phil. I.“, nicht „Theologie“ an. Aber einen Berufswechsel habe ich nicht in Betracht gezogen. Das Berufsziel Priester hatte ich tief verinnerlicht, und ich wollte weder mir selbst untreu werden noch mein soziales Umfeld enttäuschen.
So legte ich nach der Rekrutenschule ein Zwischenjahr ein. Bei einem Discounter füllte ich Weine und Spirituosen auf und ging für drei Monate nach Exeter in England an eine Sprachschule, um mein Englisch aufzubessern.
In der Zeit beim Discounter zog ich mich in der Mittagspause jeweils in die Stille einer Betonkirche zurück und lauschte im Halbdunkel dem Glucksen von Wassertropfen in einem kleinen Brunnen. So versuchte ich mich in Andacht zu versenken und dem Mysterium zu nähern, wie sich das für einen künftigen Gottesmann gehörte, wie ich glaubte.
Dann meldete ich mich beim Priesterseminar des Bistums Basel in Luzern an, stellte mich beim Regens vor und brachte die geforderte ärztliche Bestätigung bei, dass ich gesund und normal sei, was der Fall war.
Priesterseminare sind Ausbildungsstätten für angehende Kleriker. Angeordnet wurden sie vom Konzil von Trient zur Zeit der Gegenreformation. Es brauchte ein besser gebildetes und diszipliniertes Kirchenpersonal, um gegen die Herausforderungen der Reformation bestehen zu können. In vorreformatorischen Zeiten gingen Priesteranwärter oft einfach bei einem erfahrenen Priester in die Lehre, um das heilige Handwerk zu erlernen. Richtig durchgesetzt haben sich die priesterlichen „Pflanzstätten“ aber erst im 19. Jahrhundert. Priesterseminare sind geschlossene Anstalten, die auch baulich häufig als solche zu erkennen waren und gelegentlich als „Kasten“ bezeichnet wurden. Unter der Leitung eines Regens und Spirituals wuchsen die Priesteramtskandidaten hier in ihren späteren Beruf hinein. Jedes Bistum unterhielt sein eigenes Priesterseminar.
Grundlage für die intellektuelle Ausbildung des Priesternachwuchses war ab dem 19. Jahrhundert auf Anordnung von Papst Leo XIII. die neuthomistische Scholastik, eine reanimierte Philosophie des mittelalterlichen Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Thomas war seinerzeit bestrebt Vernunft und Glauben zusammenzubringen. Mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft versuchte er Gottes Existenz zu erkennen und die Sinnhaftigkeit der göttlichen Offenbarung vernunftmässig zu untermauern. Die Philosophie spielte dabei die Rolle einer Zudienerin der Theologie, einer „ancilla theologiae“.
Als ich 1974 ins Seminar eintrat, war von diesem scholastischen Geist nichts mehr zu spüren. Das Aggiornamento des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte ihn weggeweht. Auch das Priesterseminar St. Beat in Luzern hatte sich in der Aufbruchstimmung nach dem Konzil neu erfunden. Als [Neubau aus Beton](https://www.architekturbibliothek.ch/bauwerk/priesterseminar-st-beat/) stand es versteckt hinter der Luzerner Hofkirche und markierte schon architektonisch, dass die Kirche in ein neues Zeitalter aufgebrochen war. Die Architektur erinnert an das [Dominikanerkloster Sainte-Marie de la Tourette](https://lecorbusier-worldheritage.org/de/kloster-sainte-marie-de-la-tourette/) in Éveux bei Lyon von Le Corbusier.
Auch die Ausbildungsphilosophie des Seminars gestaltete sich nach neuzeitlichen Vorstellungen. Sie war strikt auf die spätere Zusammenarbeit der Seelsorger im Team ausgerichtet. Das Seminar war in Wohngruppen aufgeteilt, wo die angehenden Priester als kleine Gemeinschaften lebten und Berufungen gedeihen sollten. Alles geschah im Seminar gemeinschaftlich. Gemeinsam wohnten die Studenten, gemeinsam beteten sie, gemeinsam assen sie, gemeinsam verbrachten sie die Freizeit, gemeinsam marschierten sie zur Theologischen Fakultät hinter der Jesuitenkirche und gemeinsam kehrten sie wieder ins Seminar zurück. Denken, Fühlen, Handeln - alles war ausgerichtet auf Kirche und Theologie und die Auseinandersetzung mit Kirchenthemen, die damals durchaus auch sehr kritisch ausfallen konnten.
Das wurde mir bald zu eng, und ich fühlte mich im Umfeld des Seminars zunehmend unbehaglich. Die katholische Lebenswelt hatte ich bisher nicht in dieser Einengung auf die Institution Kirche erlebt, auch nicht in Einsiedeln. Der katholische Kosmos war auf den kirchlichen Kosmos zusammengeschrumpft. Ich verstand mich aber nicht als fromme Kirchenmaus, die die Welt nur aus kirchlicher Perspektive sah. Ein Freund von mir, der anderswo Theologie studierte, schwärmte mir eines Tages in einem Brief von seinem Lieblingsevangelium vor und fragte mich nach meiner Evangelistenpräferenz. Ich hatte keine, ärgerte mich aber über seine Frage, weil sie mich in eine Ecke zu drängen schien, wo ich nicht hingehören wollte. Ich fand auch das Verfahren meines theologischen Umfeldes sehr umständlich, jede aktuelle Zeitfrage zuerst in die antike biblische Welt zu projizieren, um sie danach wieder zurück zu spiegeln mit Antworten, die auch ohne diesen Umweg möglich gewesen wären.
In der Autobiografie von Carl Gustav Jung fand ich später eine Stelle, wo der Pfarrerssohn ähnliche Eindrücke schilderte, wie ich sie hatte. Für ihn waren die „Weltlichen“ im Vergleich zur Gemeinschaft der Kirchlichen zwar „weniger tugendhaft, dafür aber viel nettere Leute mit natürlichen Gefühlen, umgänglicher und fröhlicher …“.
Ein natürlicheres, wenn auch weniger tugendhaftes Milieu konnte ich jeweils erleben, wenn ich in den Militärdienst einrückte. Ich absolvierte den Dienst bei den Rettungstruppen, damals noch Luftschutztruppen, wo mich ein eigendynamisches Aufstiegsstreben bis zum Grad eines Oberleutnants führte und ich durch die Führungsaufgaben vertiefte Menschenkenntnisse gewinnen konnte. Für einen Theologiestudenten war das ungewöhnlich und sorgte bei Kollegen für Irritation. Für sie war militärische Gewalt mit christlicher Friedensliebe unvereinbar. Meine Einschätzung der Menschennatur war in diesem Punkt weniger idealistisch.
Am Berufsziel Priester begann ich immer mehr zu zweifeln. Ich fragte mich nach dessen Sinn in unserer Zeit. Auf der Suche fand ich eine Zeitlang Gefallen an Ideen von neomarxistischen Autoren wie Milan Machovec in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ oder Konrad Farner. Meine wenigen Bücher ordnete ich im Büchergestell streng abgestuft nach Höhe ein, vielleicht um meine innere Unsicherheit durch eine äussere Ordnung zu stabilisieren.
Nach einem Jahr verliess ich das Priesterseminar. Damals war das ein unüblicher Schritt. Ich zog in ein winziges Zimmer im Keller eines Mehrfamilienhauses hinter dem Pulverturm der Luzerner Stadtmauer.
Zu Mittag verpflegte ich mich in einem Coop- oder Migros-Restaurant, häufig mit Quiche Lorraine mangels kostengünstiger Alternativen. Abends unternahm ich häufig ausgedehnte Spaziergänge am Luzerner Seequai entlang. Ich schaute den kreischenden Möwen nach, beobachtete die schwarzen Blässhühnchen, wie sie mit ihren Faltfüssen in die Tiefe strampelten, oder die Enten, die schnatternd ihren Bräuten nachjagten. Das Naturerlebnis, das sich in Luzern so eindrücklich präsentiert, inspirierte mich, über das Leben und den Kosmos zu sinnieren. Vielleicht hätte ich Naturwissenschaften studiert, wäre ich nicht Theologe geworden – oder Gärtner.
Leider kamen kosmologische oder naturphilosophische Themen damals im Theologiestudium kaum vor. Ein Theologe, der sich der Verbindung von Naturwissenschaft und Theologie widmete, war der französische Jesuitenpater Teilhard de Chardin, der auch ein anerkannter Evolutionsforscher war. Eine Arbeit im Fach Anthropologie und ein schmales Bändchen des Luzerner Teilhard-Spezialisten Vital Kopp brachte mich Teilhards Naturphilosophie etwas näher. Sie führten mich in die unermesslichen zeitlichen Räume der Evolution und der natürlichen Vielfalt. Eine Postkarte, die Luzern mit Gletschern überzogen und als Sandstrand mit Palmen zeigt, sowie eine Karte mit einer prächtigen Blumenwiese, brachten mich immer wieder zum Staunen über die kosmologische und evolutionäre Entwicklung. Bis heute habe ich die Karten aufbewahrt.
Das Theologiestudium war damals in Luzern noch nach dem herkömmlichen Schema aufgebaut. In den ersten Jahren lag ein Schwerpunkt auf der Philosophie, der „Magd der Theologie“. Für mich war die Magd allerdings bald interessanter als die Herrin. Besonders angetan hat es mir die „Philosophische Anthropologie“. Sie stellt die Frage, was das Wesen und die Stellung des Menschen im Weltganzen ist. Ich ackerte mich damals durch eine kleine Einführung in die philosophische Anthropologie von Michael Landmann und lernte sie halb auswendig. Sogar eine ganze Buchreihe über die philosophische Anthropologie habe ich mir angeschafft. Die Frage, was der Mensch sei und was das Menschsein ausmache, interessierte mich brennend, vermutlich nicht nur aus akademischen, sondern auch persönlichen Gründen: Nicht nur, wer der Mensch sei, sondern wer der Mensch Markus sei. Ich durchforstete die Schriften von Konrad Lorenz nach Antworten auf die Frage, wieweit menschliches Verhalten angeboren und wieweit es kulturell erlernt ist. Der Basler Biologen Adolf Portmann sensibilisierte mein Verständnis des Menschen als eines Wesens, das von Natur aus auf Kultur angelegt ist. Es wird von der Natur halbfertig entlassen in ein „extrauterines Frühjahr“, in dem es in seine kulturelle Natur hineinzuwachsen beginnt.
Anthropologische Überlegungen hatten auch in die Theologie Einzug gehalten. Der Professor für Fundamentaltheologie mit einer ausgeprägten Gabe für träfe und bildhafte Vergleiche und einem Gespür für die Fragen der Zeit, brachte uns in seiner Vorlesung eine „anthropologische Theologie“ näher. Als schriftliches Semesterexamen liess er uns seine Überlegungen zusammenfassen. In [meiner Arbeit](https://markus.maiweb.ch/wp-content/uploads/2026/07/Was-heisst-anthropologische-Theologie.pdf) stand: _„Keine der alten Weltdeutungen ist dem Menschen heute verbindlich und eine neue allgemein anerkannte gibt es nicht. Selbst dass ein Gott ist, gehört nicht mehr zu den fraglosen Selbstverständlichkeiten. Der Mensch ist sich selbst fragwürdig geworden. Wie nie zuvor forscht er nach seinem eigenen Sinn und Sein, nach seinem eigenen Woher und Wohin.“_\*
Mit der anthropologischen Wende schien es mir sinnvoll, mich auch in meinem Studium mehr dem Menschen zuzuwenden. Nach zwei Studienjahren in Luzern beschloss ich daher, an die Universität Freiburg zu wechseln und das Theologiestudium um humanwissenschaftliche Disziplinen zu ergänzen.