Am 18. Dezember 2010 machte ich an der Schipfe in Zürich eine Entdeckung, die den Anstoss zu dieser Website gab. Mit Mirjam spazierte ich an diesem kalten Wintertag durch Zürich und sah am Fensterladen eines kleinen Geschäftes das Zitat „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“ Als Autor stand Eugène Ionesco unter dem Zitat.
Der Satz klingt dunkel und rätselhaft. Wie ihn Ionesco gemeint hat, konnte ich nie herausfinden, nicht einmal, ob das Zitat überhaupt von ihm stammt. Aber das Zitat berührte mich. Es fiel auf bereiten Boden und löste spontane Resonanz in mir aus. Irgendwie schien es auf den Punkt zu bringen, was in mir lange schlummerte und gärte. Es wirkte wie die Quintessenz meiner Einsichten und Gedanken. Daher nahm ich mir vor, dem Interesse an dem Zitat gründlicher nachzuforschen und setzte diese Aufgabe als Projekt für die Zeit nach dem Berufsleben auf meine Liste.
Skeptiker im Turmgemach
Schon in früheren Jahren hatte ich Vorstellungen, wie ich meinen Ruhestand gestalten wollte. Mir schwebte vor, an einem wohligen Ort in Musse meinen Gedanken nachzuhängen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Vorbild dieses Traumes war Michel de Montaigne, der französische Philosoph und Humanist, der im 16. Jahrhundert diese Vision verwirklicht hatte. Auf seinem Schloss im Périgord im heutigen Departement Dordogne machte er sich in einem Turmgemach Gedenken über sein Leben und die Einsichten, die es ihm beschert hatte, und schrieb sie freimütig nieder in seinem Werk „Die Essais“.
Auf diese Essais bin ich gestossen während meines Theologiestudiums, das mich zum Zweifler gemacht hatte und mich nach Verwandten im Geiste suchen liess. Montaigne war eine der ersten Adressen. Montaignes Wahlspruch lautete „Que sais-je?“ – „Was kann ich schon wissen?“. Der Philosoph hatte die Grenzen menschlicher Erkenntnis durchschaut und hegte eine tiefe Skepsis gegen alle menschlichen Gewissheitsansprüche. Die französischen Religionskriege hatten ihm vor Augen geführt, was Gewissheitswahn und Dogmatismus anrichten konnten, und auf seinen Reisen erlebte er, wie relativ Weltbilder sind. Was ist dran an einer „Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird?“, fragte er sich in einem seiner Essais. (Montaigne, Essais, Seite 228)
Zerplatzte Gewissheit
In Montaignes Gedanken fand ich ausgedrückt, was mich damals zunehmend beschäftigte. Immer mehr öffnete sich während des Studiums mein Blick für die Relativität meines eigenen Weltbildes. Die Sinnwelt, in die ich als Kind hineingewachsen war, und die mir als fraglose Gewissheit erschien, wurde immer zweifelhafter. Das geht den meisten Menschen vermutlich nicht anders. Aber die wenigsten sehen darin wohl ein existentielles Problem. Ich konnte diesem Problem nicht ausweichen. Von Berufs wegen war ich gezwungen, mit meinem Weltbild zu ringen. Ich hatte einen Berufsweg eingeschlagen, dessen Fundament das ererbte Weltbild war. Als Priester sollte ich sogar zum Spezialisten dieses Weltbildes werden, zum Sinnexperten in einer Sinnstiftungsagentur, die über die letzten Dinge und höchsten Wahrheiten Bescheid zu wissen und Auskunft geben zu können glaubt.
Meine Skepsis hat es mir verunmöglicht an mein ursprüngliches Berufsziel zu gelangen. Sie gab meinem Lebensweg eine andere Wendung. Am Schluss war es aber wieder die Skepsis, die mich dem ursprünglichen Ziel in abgewandelter Form näher brachte. Grund dafür ist die Einsicht, wie sie sich im Zitat findet: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“ Unter diesem Leitgedanken blicke ich hier auf meinen Lebensweg zurück und versuche mir einen Reim auf seine diversen Stationen zu machen. Ich schaffe damit in erster Linie für mich Klarheit. Gern schliesse ich mich aber auch dem Rat an, den Montaigne seinen Essais vorangestellt hat: „Ich wünschte, es könnte meinen Verwandten und meinen Freunden nützlich sein: Wenn ich nicht mehr bei ihnen bin, können sie in diesem Buche vielleicht einige Züge meines Wesens und meiner Gemütsart wiederfinden und dadurch das Bild, das sie von mir gewonnen haben, vervollständigen und beleben.“