„Die Realität lügt,
denn die Realität ist
nicht realistisch.
Es gibt nur eine Realität,
die Ewigkeit.“

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Kapitel 1

Eine Entdeckung an der Schipfe und der Turm von Montaigne

An der Schipfe in Zürich, einem alten Stadtquartier, existierte bis vor einigen Jahren ein kleiner Laden, der allerhand Kuriositäten feilbot, und dessen Fensterläden mit tiefsinnigen Zitaten geschmückt waren. Am rechten Laden stand: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“

Das Zitat klingt rätselhaft. Es soll vom Schriftsteller Eugène Ionesco stammen, aber ich konnte nie herausfinden, wo er es gesagt oder geschrieben hat, und wie er es meinte. Entdeckt habe ich den Satz im Dezember 2010 auf einem Winterspaziergang durch Zürich mit Mirjam, und schlagartig hat er mich berührt. Irgendwie schien es auf den Punkt zu bringen, was in mir lange schlummerte und gärte. Es wirkte wie die Quintessenz meiner Einsichten und Gedanken.

Daher nahm ich mir vor, dem Interesse an dem Zitat gründlicher nachzuforschen und setzte diese Aufgabe als Projekt für die Zeit nach dem Berufsleben auf meine Liste.

Skeptiker im Turmgemach

Schon in früheren Jahren hatte ich Vorstellungen, wie ich meinen Ruhestand gestalten wollte. Mir schwebte vor, an einem lauschigen Ort in Musse meinen Gedanken nachzuhängen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Vorbild dieses Traumes war Michel de Montaigne, der französische Philosoph und Humanist, der im 16. Jahrhundert diese Vision verwirklicht hatte. Auf seinem Schloss im Périgord im heutigen Departement Dordogne machte er sich in einem Turmgemach Gedenken über sein Leben und die Einsichten, die es ihm beschert hatte, und schrieb sie freimütig nieder in seinem Werk „Die Essais“.

Auf diese Essais bin ich gestossen während meines Theologiestudiums, das mich zum Zweifler gemacht hatte und mich nach Verwandten im Geiste suchen liess. Montaigne war eine der ersten Adressen.

Montaignes Wahlspruch lautete „Que sais-je?“ – „Was kann ich (schon) wissen?“. Der Philosoph hatte die Grenzen menschlicher Erkenntnis durchschaut und hegte eine tiefe Skepsis gegen alle menschlichen Gewissheitsansprüche. Die französischen Religionskriege hatten ihm vor Augen geführt, was Gewissheitswahn und Dogmatismus anrichten konnten, und auf seinen Reisen erlebte er, wie relativ Weltbilder sind. Was ist dran an einer „Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird?“, fragte er sich in einem seiner Essais.1Michel de Montaigne: Die Essais. Zweites Buch. Apologie des Raimond Sebond. Reclam, Stuttgart 1953, Seite 228

Zerplatzte Gewissheit

In Montaignes Gedanken fand ich ausgedrückt, was mich damals zunehmend beschäftigte. Immer mehr öffnete sich während des Studiums mein Blick für die Relativität meines eigenen Weltbildes. Die Sinnwelt, in die ich als Kind hineingewachsen war, und die mir als fraglose Gewissheit erschien, wurde immer zweifelhafter.

Das ist eine Erfahrung, die viele andere Menschen wohl auch machen, wenn sie der Sinnwelt entwachsen, in die sie hinein geboren wurden. Aber nicht für alle wird diese Erfahrung zum Problem wie bei mir. Ich war unterwegs zum Priesterberuf, und dieser Beruf setzt ein Weltbild oder eine Sinnwelt voraus, die mir zweifelhaft wurde. Als Priester hätte ich in diesem Weltbild nicht nur verankert sein müssen, sondern ich hätte auch die Aufgabe gehabt, es als dessen Experte und Spezialist zu vertreten und zu propagieren. Ich wäre Sinnexperte einer Sinnagentur geworden, die über die letzten Dinge und Wahrheiten Bescheid zu wissen und Auskunft geben zu können glaubt.

Daran hat mich meine Skepsis gehindert. Sie hat es mir verunmöglicht, an mein ursprüngliches Berufsziel zu gelangen und gab meinem Lebensweg eine andere Richtung.

Einige Züge meines Wesens

Am Schluss war es jedoch erneut diese Skepsis, die mich dem ursprünglichen Ziel wieder näher brachte, wenn auch in abgewandelter Form. Eine Erklärung dafür liegt in dem Zitat, das mich spontan so berührt hat: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“

Unter diesem Leitgedanken blicke ich hier auf meinen Lebensweg zurück und versuche mir einen Reim auf seinen Lauf und seine Wendungen zu machen. Ich tue das in erster Linie in meinem Interesse und zu meinem Vergnügen. Gern schliesse ich mich aber auch dem Rat an, den Montaigne seinen Essais vorangestellt hat: „Ich wünschte, es könnte meinen Verwandten und meinen Freunden nützlich sein: Wenn ich nicht mehr bei ihnen bin, können sie in diesem Buche vielleicht einige Züge meines Wesens und meiner Gemütsart wiederfinden und dadurch das Bild, das sie von mir gewonnen haben, vervollständigen und beleben.“2Michel de Montaigne: Die Essais. An den Leser. Reclam, Stuttgart 1953, Seite

Kapitel 2

Blick auf die Fraubrik und eine Glace nach der Messe

Ich bin 1953 auf dem Kanapee eines Arbeiterhauses an der Hauptstrasse in Grellingen im Laufental zur Welt gekommen. Mein Vater war Werkmeister in der Schappe, einer Fabrik zur Seidenverarbeitung, wo auch meine Mutter früher gearbeitet hatte. Das halbe Dorf Grellingen war bei der Schappe beschäftigt. Für mich war die Fabrik die „Fraubrik“, weil ich beim Schichtwechsel immer Scharen von Frauen durch die Fabrikpforte strömen sah. Ich hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, Liselotte, und einen Bruder, Konrad, der schon früh verstorben war. An Heiligabend ging der Vater mit uns sein Grab auf dem Friedhof besuchen, während das Christkind daheim den Weihnachtsbaum schmückte und die Geschenke darunter legte. Im Advent hatten wir ein Brieflein mit unseren Wünschen vors Fenster gelegt und gespannt gewartet, bis es vom Christkind abgeholt wurde.

Das Laufental gehört seit alters zum Bistum Basel und war geprägt vom katholischen Glauben mit seinen Bräuchen und Riten. Gütige Ordensschwestern mit geschwungenen Hauben betreuten den Kindergarten, und meine Primarlehrerin ging später in die Missionen. Am Sonntag gehörte der Besuch der Heiligen Messe zum festen Programm. In adretten Sonntagskleidchen schritten wir mit unserer Mutter auf der Hauptstrasse ohne Trottoir zur Pfarrkirche am anderen Dorfende. Wenn ich brav war und nicht vor Langeweile auf der Kirchenbank herumturnte, gab es beim Bäcker Jakob nach der Messe eine Glace.

Die verwachsene Glaubenswelt

Für die meisten Leute war der Glaube damals das Selbstverständlichste der Welt. Auch meine Mutter praktizierte ihn gewissenhaft ohne Frömmelei. Nur einmal habe ich erlebt, wie sie sich mit Tante Olgi, eine ihrer zahlreichen Schwestern und stramme Katholikin, heftig über irgendein Glaubensdetail stritt. Sonst aber war der Glaube da als stumme Gewissheit, eingewoben in das Leben, Denken und Fühlen der Menschen. Er war das, was der Philosoph Karl Jaspers beschreibt als eine Lebenswelt, die mit der Seele „verwachsen“ ist. Diese „erlebte, mit der Seele verwachsene Welt“, sei, schreibt Jaspers, „nicht formuliert und gegenständlich gewusst“, jedoch „eminent wirksam“ „als ‚Lebenswissen’, als Können, als Gefühl und Wertung“. 1

Mit dem Velo nach Mariastein

Mein Vater besuchte die Messe lieber im Kloster Mariastein, wohin er mit dem Velo fuhr und mich manchmal auf dem Kindersitz mitnahm. Er war kein eingefleischter Katholik und neigte eher dem Freisinn als den Katholisch-Konservativen zu, wie mir später meine Mutter sagte. Aber von der Macht und Pracht der katholischen Kirche war auch er angetan. Als Papst Pius XII. starb, kaufte er für damals teures Geld die Illustrierte „Paris Match“, die in epischer Breite mit Bild und Text über den Papst und sein Begräbnis berichtete.

Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Vater an einem Leberleiden. Während er daheim in der Stube aufgebahrt wurde, schickte mich die Verwandtschaft zur Ablenkung ins Dorf, um beim Metzger etwas einzukaufen. Dieser wollte von mir wissen, ob mein Vater gestorben sei, wie es sich im Dorf herum gesprochen hatte. Ich wusste von nichts, und er reichte mir ein Rädchen Wurst.

Fortan musste meine Mutter für die Familie sorgen. Sie ging wieder in der Schappe arbeiten. Während sie das Haus frühmorgens zur Arbeit verliess, machten wir Kinder uns selbständig auf zur Schule, den eisernen Hausschlüssel um den Hals gebunden.

Kapitel 3

Die Hühner der Frau Hofer und die Freude am Altar

Anfang der sechziger Jahre wechselte die Mutter in das Schappe-Werk Angenstein bei Aesch im Baselbiet, und wir zogen nach Aesch in eine Arbeitersiedlung der Schappe beim Bahnhof.

Die Wohnung war klein und ohne Komfort. Es gab kein Warmwasser, gebadet wurde in der Waschküche und geheizt mit Holz und Kohle. Zum Telefonieren gingen wir in die Telefonkabine am Bahnhof. Unterhaltung und Nachrichten bot uns das Radio. Ich mag mich noch an die Nachricht eines frühen Morgens erinnern, dass Präsident Kennedy erschossen worden sei. Der einzige Fernseher weit und breit stand bei unserem Nachbarn mit dem gelähmten Bein. Hier durften wir «Fury», «Lassy», «Ivanhoe», «Am Fuss der Blauen Berge» oder «Es darf gelacht werden» schauen, bis die Herrlichkeit vorbei war, weil das Bild zu flimmern und zu laufen begann.

Meine Mutter war eine lebensfrohe, eigenständige und zupackende Frau. Bald nach dem Einzug hatte sie unsere Arbeiterwohnung mit Durchlauferhitzer, Ölofen und Kühlschrank aufgerüstet und auch Geld gespart für Ferien in Cesenatico an der Adria und später in Minori an der Amalfiküste, wo wir bei einer Italienerfamilie eingeladen waren.

Spriessende Tulpen und italienisches Flair

Trotz seiner Bescheidenheit war für uns Kinder der Wohnort an der Industriestrasse ein kleines Paradies. Hier konnten wir nach Herzenslust im Freien spielen, der Birs entlang Streifzüge unternehmen, uns am Bahnhof herumtreiben oder in den nahen Wald eintauchen. Im Garten sahen wir die Beeren reifen, das Gemüse wachsen und Tulpen und Gladiolen aus der Erde spriessen. Zur Sommerzeit entfaltete sich die Vegetation am Flussufer mit Wucht, und ich kam mir vor wie ein Naturforscher, wenn ich Expeditionen durch das Dickicht unternahm. In einem frühen Schulaufsatz habe ich auch die Hühner der Frau Hofer verewigt.

Viele Nachbarn in der Arbeitersiedlung waren Gastarbeiter aus Italien. Wir gingen ein und aus in ihren Wohnungen, rochen den Duft ihrer köchelnden Fleischsaucen und besuchten am Samstagabend mit ihnen das „Ritrovo“, wo sie sich zu Geselligkeit trafen und Filme aus der Heimat schauten. Amüsant fanden wir die Namen unserer Hausbewohner nebenan: Oben wohnte eine Familie Pollo und unten eine Familie Pulcini, also eine Familie Huhn und eine Familie Küken.

Der liebe Gott und der freche Philosoph

In der Schule war der Religionsunterricht fest im Stundenplan verankert. Als Erstklässler durften wir auf Bibelillustrationen den lieben Gott ausmalen, wie er im Zorn Adam und Eva aus dem Paradies jagte. Später verwandelten sich die heilgeschichtlichen Illustrationen zu unserer Enttäuschung in langweilige Symbolzeichnungen. Auf der Oberstufe erzählte uns der Vikar einst von einem frechen Philosophen, der behauptet habe, Gott sei tot, und er ersetzte den Satz „Gott ist tot“ an der Wandtafel triumphierend mit „Nietzsche ist tot“.

Am Samstag war der Gang zur Beichte lästige Pflicht. Wir flüsterten unsere Sünden im Beichtstuhl ins Ohr des Beichtvaters, und hofften, dass er bei heiklen Punkten nicht nachhakte. Nach der Absolution beteten wir im Hochgefühl der Sündenbefreiung die Vaterunser, die uns als Busse aufgebrummt wurden.

Zum Altare Gottes will ich treten

Nach der Erstkommunion wurde ich für würdig befunden, in den Kreis der Ministranten aufgenommen zu werden. Mit dem Oberministranten Franz lernte ich lateinische Messtexte auswendig, das Stufengebet „Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam – Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut“, das Confiteor, das Credo und andere Gebete. Was ich betete, wusste ich nicht. Wenn mir während der Messe der Text entfiel, überbrückte ich die Lücke mit Gemurmel bis ich wieder festen lateinischen Boden unter den Füssen hatte.

Den katholische Kosmos mit seinen Riten und Traditionen erlebte ich in meiner Kindheit noch als wirkmächtig und intakt. Doch am Horizont kündigten sich einschneidende Veränderungen an. Ich erinnere mich an unseren Pfarrer, einen hochgewachsenen, strengen und hochwürdigen Herrn, der meist sehr ernst auftrat. Aber auch er konnte seine Begeisterung nicht verbergen, als er von einem Ereignis sprach, das demnächst in Rom stattfinde und ungemein wichtig sei. Gemeint war das Zweite Vatikanische Konzil.

Kapitel 4

Barocke Pracht und antike Heiterkeit

Ende 1966 musste alles ganz schnell gehen. Pfarrer und Lehrer hatten mich für den Priesterberuf vorgesehen. Ob ich selber je diesen Berufswunsch geäussert habe, weiss ich nicht mehr. Der Priesterberuf war im katholischen Milieu damals hoch angesehen. Für manche Buben galt er als Wunschberuf wie jener des Lokführers oder des Missionars, der in fernen Ländern Abenteuer erlebte. Ausersehen wurde ich wohl, weil ich dem damaligen „Beuteschema“ für kirchlichen Nachwuchs entsprach.

Ich war ein fröhlicher Bub, ein guter Schüler und arglos wie die Tauben. Ein Kamerad erzählte mir einst auf dem Schulweg von einem Mädchen, das ungewollt ein Kind erwartete. Altklug bemerkte er, das wundere ihn gar nicht, da es ja gern die Nähe zur Männerwelt suche. Ich sah keinen Zusammenhang und zuckte mit den Schultern.

Ich war wissbegierig und las viel. Die „Schweizer Jugend“ gehörte zur wöchentlichen Lektüre. Um die Lektüre von „Alibaba und die vierzig Räuber“ – oder war es der „Lederstrumpf“ oder „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ – nicht unterbrechen zu müssen, schwänzte ich mich einmal gar die Schule.

Schwarze Socken und eine Soutane

Der Weg zum Priesterberuf folgte damals einem typischen Muster. War jemand zum Priester ausersehen, wurde er an ein katholisches Gymnasium geschickt. Zu den renommiertesten Kollegien zählten die Klosterschulen von Einsiedeln, Engelberg und Disentis. Mein Pfarrer fragte in Einsiedeln nach, und das Glück oder der Zufall – oder war es gar die göttliche Vorsehung? – wollten es, dass an der Stiftsschule Einsiedeln kurzfristig ein Platz frei wurde. Eilig strickten meine Tanten einen Stapel schwarzer Socken, und die Mutter versah meine Wäsche mit der Nummer 139.

An einem eisig kalten Wintertag anfangs Januar 1967 trafen wir mit dem Zug in Einsiedeln ein, wo mich meine Mutter in der Klosterschule beim Präfekten abgab.

So wurde ich als Zwölfjähriger aus dem bescheidenen Arbeitermilieu in den imposanten katholischen Kosmos des Klosters Einsiedeln katapultiert. Ich war nun einer von über dreihundert Internatsschülern an der Stiftsschule. Wir steckten alle in einer schwarzen Soutane, umgürtet mit einem Cingulum, was uns wie kleine Pfarrer aussehen liess, und auch die Gleichheit unter den „Studenten“ betonte. Wir Stiftsschüler wurden „Studenten“ genannt. Mädchen gab es damals noch keine an der Schule. Manche „Studenten“ stammten aus wohlhabenden Familien. Das Kloster sah aber seine Aufgabe darin, auch Kinder aus weniger betuchten Familien zu fördern. Das entsprach dem christlichen Auftrag und war der priesterlichen Nachwuchsrekrutierung förderlich.

Zehn Stunden Latein und die Sehnsucht nach dem Süden

Sieben Jahre verbrachte ich in der barocken Pracht der Einsiedler Benediktiner, die damals noch eine stattliche Gemeinschaft bildeten. Unsere Lehrer waren alle Mönche bis auf den Biologie- und den Turnlehrer. Angeredet wurden sie in alter kirchenfürstlicher Manier nicht mit Pater, sondern mit „Herr“. Für uns Studenten waren es „die Schwarzen“, für die wir alle Spitznamen hatten.

Untergebracht waren wir Klosterschüler der unteren Klassen in grossen Schlafsälen mit zehn bis dreissig Betten unter dem Klosterdach. In den oberen Klassen und im „Lyceum“ standen uns kleine Zellen, „Buden“, zur Verfügung. Morgens um sechs Uhr wurden wir aus dem Schlaf geholt mit Musik aus Lautsprechern. Nach der Morgentoilette an den Lavabos im Schlafsaal traten wir im „Museum“, einem grossen Studiersaal, das Studium an. Ein Mönch wachte von einem erhöhten Sitzpult aus über Ordnung und „Silentium“, Ruhe, im Saal.

In der ersten Klasse standen zehn Stunden Latein auf dem Stundenplan. In der dritten Klasse kam Altgriechisch dazu. Die Stiftsschule kannte damals nur den altsprachlichen Maturatypus A. So vertieften wir uns in Wortschatz, Grammatik und die consecutio temporum der antiken Welt von Römern und Griechen. Wir übersetzten die Liebesgeschichten der „Philemon und Baucis“ von Ovid, die Schilderungen des lieblichen Landlebens von Vergil, die Heldentaten des Odysseus von Homer, die Kriegsgeschichten von Caesar und die satirische „Verkürbissung des Kaisers Claudius“ von Seneca und vieles mehr. Obwohl die Lektüre auf schulisches Textverständnis und Satzanalyse zielte, vermittelten uns die Texte auch Stimmung und Geist der lateinischen und griechischen Welt, eine Stimmung, der für mich mit Sehnsucht, Licht, Himmelblau und Lebenslust verbinde. Vielleicht waren diese Gefühle für mich auch ein Ausgleich zum Klima im Einsiedler Hochtal, wo der Winter mit Schnee und Eis bis weit in den Frühling herrschte. Am schwersten fiel mir der Abschied von zu Hause jeweils nach den Frühlingsferien, wenn im Baselbiet die Kirschbäume in voller Blüte standen und in Einsiedeln noch Schneematsch lag.

Ein stoischer Sklave als Weisheitslehrer

Die Verbundenheit mit der antiken Welt war so stark, dass ich in meinen jungen Gymnasialjahren die Ex-Libris-Buchreihe „Antike Autoren“ anschaffte. Besonders angetan hat es mir der Band „Die Kunst vernünftig zu leben – Wege zu sich selbst“ von Epiktet und Marc Aurel. Epiktet war ein freigelassener Sklave und Marc Aurel ein römischer Kaiser. Sie waren Anhänger der Stoa, einer antiken Philosophenschule, die auf eine tugendhafte Lebenspraxis ausgerichtet war und die Tugenden der „ataraxia“ und der „apathia“ lehrte, also die innere Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit. Weswegen mich diese Gedanken ansprachen, weiss ich nicht, aber vermutlich waren sie mir eine Hilfe gegen die Gemütswallungen meiner Jugendjahre. Angesprochen hat mich auch das Weltbild, das hinter der stoischen Philosophie steht. Die Stoa betrachtet die Welt als einen Kosmos, der von einer inneren schöpferischen Kraft beseelt ist, aus der alles, was ist, hervorgeht und besteht.

Die romanische Lebensart wurde uns auch vermittelt von Mönchen, die zuvor in spanisch oder italienisch geprägten Gegenden gewirkt hatten. Einer der Patres brachte vom Einsiedler Tochterkloster Los Toldos in Argentinien spanisch-argentinisch gefärbtes Lebensgefühl ins Haus und ein anderer aus dem Tessin italienische Begeisterungsfähigkeit. Er organisierte in den Sommerferien für Italienerkinder aus den verwahrlosten Rändern von Mailand Sommerlager, „Campeggi“, an denen Studenten der Stiftsschule als Betreuer mitwirkten und jeweils begeistert zurück kehrten.

Kapitel 5

Ora et labora und eine Todesahnung

Eigenartigerweise habe ich kaum mehr Erinnerungen an den Religionsunterricht an der Stiftsschule. An einer Klosterschule würde man eigentlich die Thematisierung von Glaubensfragen erwarten. Doch die katholische Welt war so tief ins Klosterleben eingewoben und allgegenwärtig, dass sie nicht eigens thematisiert werden musste. Religion war nicht primär Dogma, sondern fleischgewordene Wirklichkeit in Stimmung, Ton, Geruch. Auf Schritt und Tritt war der katholische Glaube unausgesprochen erlebbar, in der barocken Architektur, den endlosen Klostergängen mit den Bildern an den Wänden, im Tagesrhythmus des klösterlichen Lebens mit seinen Ritualen, liturgischen Veranstaltungen und seiner gepflegten Musikkultur.

In Paradiso an der Mönchsgruft

Die Klausur, den geschlossene Bereich, wo die Mönche lebten, durften wir nur ausnahmsweise betreten, für die Besprechung einer schulischen Frage zum Beispiel. Aber wir lebten unter einem Dach mit den Mönchen und erlebten ihren Mönchsalltag, der von Arbeit und Gebet geprägt war nach dem Grundsatz von Sankt Benedikt „ora et labora“. Die meisten Mönche waren geerdete Männer, keine versponnenen Scholastiker. Wir sahen sie beim Breviergebet durch den Klostergarten tigern und feierten ihre Rituale mit. In der Karwoche konnten wir ihren Klagegesängen, den „Lamentationes“, lauschen, und wenn ein Mönch gestorben war, nahmen wir an seinem Begräbnis teil und freuten uns, dass die Schule ausfiel. Eindrücklich war der Abschied von einem Mitbruder, wenn die Mönchsgemeinschaft im Kreis um den offenen Sarg den Gesang „In paradiso“ anstimmte, und schauerlich war das Quietschen, wenn der Sarg auf einem Brett in die Gruft glitt.

Eine verstörende Nachricht

Die Stiftsschüler stammten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, vor dem Herrgott aber und den schulischen Anforderungen waren alle gleich. Ich mochte gut mithalten in der Schule und machte gute Noten. Nur einmal misslang mir eine Griechischprüfung massiv. Es war der Tag, an dem mich der Präfekt zu sich rief und mir mitteilte, dass meine Schwester Liselotte gestorben sei an einem Asthmaanfall. Das war sehr schlimm für mich. Ich war damals vierzehn. Im Nachhinein sah der Griechischpater eine Erklärung für die schlechte Prüfungsnote darin, dass ich unbewusst etwas geahnt haben könnte vom Tod. Solche Vorahnungen kämen vor bei sensiblen Menschen. Ich finde mich nicht besonders sensibel. Jahrzehnte später hatte ich aber doch ein anderes erstaunliches Erlebnis. Eines Morgens wachte ich auf mit einem Auge, das gänzlich mit Blut unterlaufen war. Noch nie hatte ich Ähnliches erlebt und konnte keine Ursache dafür finden. Bei einem Besuch im Altersheim kurz darauf erzählte mir meine Mutter beiläufig, dass sie in jener Nacht aus dem Bett gefallen sei und am Kopf geblutet habe.

Die 68er Unruhen und die Zvieri-Demokratie

Zu meiner Zeit an der Stiftsschule gingen in der Welt ausserhalb des Klosters die Wogen hoch mit den Unruhen der 68er Jahre. An den Klostermauern prallten sie weitgehend ab. Es gab einige Klassen, wo sich rebellische Unruhe regte. Auch Anflüge von Bemühungen um basisdemokratische Mitbestimmung waren bei den Mönchen auszumachen. Sie liessen uns wählen, ob wir zum Zvieri lieber Joghurt oder Kägifret hätten. Sonst aber blieb es ruhig hinter den Klostermauern.
Doch der Aufbruch in eine neue Zeit war auch hier nicht mehr aufzuhalten. So beschlossen die Mönche, die acht Gymnsialjahre auf sieben zu verkürzen und den Maturtyp B mit Englisch wurde einzuführen. Die Haare der Klosterschüler wurden länger, und auch Mädchen waren nun auch an der Stiftsschule zugelassen. Schon einige Jahr zuvor war die Soutane für die Studenten abgeschafft worden.

Auch in der Klostergemeinschaft gärte der neue Zeitgeist, was sich darin zeigte, dass gelegentlich Mönche fehlten, wenn wir aus den Sommerferien zurückkehrten. Sie hatten das Kloster verlassen. Sogar der Abt war verschwunden, als wir eines Tages nach den Sommerferien zurück kehrten.

Das letzte Halleluja

Im Sommer 1973 machte ich die Matura. An einem Freitag ging die siebenjährige Zeit an der Stiftsschule ganz prosaisch zu Ende, und am Montag rückte ich in die Rekrutenschule ein.

Normalerweise wurde das Ende des Schuljahres jeweils mit einem langen Umzug durch Einsiedeln begangen, an dem alle Studenten hinter der Studentenmusik her marschierten und das Lied „Ah, ah, ah, valete studia“ schmetterten. Das war für mich immer der Moment einer grossen Befreiung vom Druck der Schule und der Vorfreude auf die grossen Ferien. Das gleiche Gefühl erlebte ich jeweils am Ostersonntag, wenn bei der Tagwache das „Halleluja“ von Händel aus den Lautsprechern erklang, und die Frühlingsferien begannen.

Kapitel 6

Vom katholischen zum kirchlichen Kosmos

Nach der Matura liess ich mir Zeit, bis ich das Theologiestudium begann. Vielleicht war ich noch nicht ganz oder nicht mehr ganz überzeugt vom Berufsweg, dessen erste Etappe die Stiftsschule Einsiedeln war. Auf der Maturabroschüre gab ich als Studienfach „Phil. I.“, nicht „Theologie“ an. Aber einen Berufswechsel habe ich nicht in Betracht gezogen. Das Berufsziel Priester hatte ich tief verinnerlicht, und ich wollte weder mir selbst untreu werden noch mein soziales Umfeld enttäuschen.

So legte ich nach der Rekrutenschule ein Zwischenjahr ein. Bei einem Discounter füllte ich Weine und Spirituosen auf und ging für drei Monate nach Exeter in England an eine Sprachschule, um mein Englisch aufzubessern.

In der Zeit beim Discounter zog ich mich in der Mittagspause jeweils in die Stille einer Betonkirche zurück und lauschte im Halbdunkel dem Glucksen von Wassertropfen in einem kleinen Brunnen. So versuchte ich mich in Andacht zu versenken und dem Mysterium zu nähern, wie sich das für einen künftigen Gottesmann gehörte, wie ich glaubte.

Pflanzstätten für Priesterkandidaten

Dann meldete ich mich beim Priesterseminar des Bistums Basel in Luzern an, stellte mich beim Regens vor und brachte die geforderte ärztliche Bestätigung bei, dass ich gesund und normal sei, was der Fall war.
Priesterseminare sind Ausbildungsstätten für angehende Kleriker. Angeordnet wurden sie vom Konzil von Trient zur Zeit der Gegenreformation. Es brauchte ein besser gebildetes und diszipliniertes Kirchenpersonal, um gegen die Herausforderungen der Reformation bestehen zu können. In vorreformatorischen Zeiten gingen Priesteranwärter oft einfach bei einem erfahrenen Priester in die Lehre, um das heilige Handwerk zu erlernen. Richtig durchgesetzt haben sich die priesterlichen „Pflanzstätten“ aber erst im 19. Jahrhundert.

Priesterseminare sind geschlossene Anstalten, die auch baulich häufig als solche zu erkennen waren und gelegentlich als „Kasten“ bezeichnet wurden. Unter der Leitung eines Regens und Spirituals wuchsen die Priesteramtskandidaten hier in ihren späteren Beruf hinein. Jedes Bistum unterhielt sein eigenes Priesterseminar.

Grundlage für die intellektuelle Ausbildung des Priesternachwuchses war ab dem 19. Jahrhundert auf Anordnung von Papst Leo XIII. die neuthomistische Scholastik, eine reanimierte Philosophie des mittelalterlichen Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Thomas war seinerzeit bestrebt Vernunft und Glauben zusammenzubringen. Mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft versuchte er Gottes Existenz zu erkennen und die Sinnhaftigkeit der göttlichen Offenbarung vernunftmässig zu untermauern. Die Philosophie spielte dabei die Rolle einer Zudienerin der Theologie, einer „ancilla theologiae“.

Gemeinschaft rund um die Uhr

Als ich 1974 ins Seminar eintrat, war von diesem scholastischen Geist nichts mehr zu spüren. Das Aggiornamento des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte ihn weggeweht. Auch das Priesterseminar St. Beat in Luzern hatte sich in der Aufbruchstimmung nach dem Konzil neu erfunden. Als Neubau aus Beton stand es versteckt hinter der Luzerner Hofkirche und markierte schon architektonisch, dass die Kirche in ein neues Zeitalter aufgebrochen war. Die Architektur erinnert an das Dominikanerkloster Sainte-Marie de la Tourette in Éveux bei Lyon von Le Corbusier.

Auch die Ausbildungsphilosophie des Seminars gestaltete sich nach neuzeitlichen Vorstellungen. Sie war strikt auf die spätere Zusammenarbeit der Seelsorger im Team ausgerichtet. Das Seminar war in Wohngruppen aufgeteilt, wo die angehenden Priester als kleine Gemeinschaften lebten und Berufungen gedeihen sollten. Alles geschah im Seminar gemeinschaftlich. Gemeinsam wohnten die Studenten, gemeinsam beteten sie, gemeinsam assen sie, gemeinsam verbrachten sie die Freizeit, gemeinsam marschierten sie zur Theologischen Fakultät hinter der Jesuitenkirche und gemeinsam kehrten sie wieder ins Seminar zurück. Denken, Fühlen, Handeln – alles war ausgerichtet auf Kirche und Theologie und die Auseinandersetzung mit Kirchenthemen, die damals durchaus auch sehr kritisch ausfallen konnten.

Die Tugendhaften und die Umgänglichen

Das wurde mir bald zu eng, und ich fühlte mich im Umfeld des Seminars zunehmend unbehaglich. Die katholische Lebenswelt hatte ich bisher nicht in dieser Einengung auf die Institution Kirche erlebt, auch nicht in Einsiedeln. Der katholische Kosmos war auf den kirchlichen Kosmos zusammengeschrumpft. Ich verstand mich aber nicht als fromme Kirchenmaus, die die Welt nur aus kirchlicher Perspektive sah. Ein Freund von mir, der anderswo Theologie studierte, schwärmte mir eines Tages in einem Brief von seinem Lieblingsevangelium vor und fragte mich nach meiner Evangelistenpräferenz. Ich hatte keine, ärgerte mich aber über seine Frage, weil sie mich in eine Ecke zu drängen schien, wo ich nicht hingehören wollte. Ich fand auch das Verfahren meines theologischen Umfeldes sehr umständlich, jede aktuelle Zeitfrage zuerst in die antike biblische Welt zu projizieren, um sie danach wieder zurück zu spiegeln mit Antworten, die auch ohne diesen Umweg möglich gewesen wären.
In der Autobiografie von Carl Gustav Jung fand ich später eine Stelle, wo der Pfarrerssohn ähnliche Eindrücke schilderte, wie ich sie hatte. Für ihn waren die „Weltlichen“ im Vergleich zur Gemeinschaft der Kirchlichen zwar „weniger tugendhaft, dafür aber viel nettere Leute mit natürlichen Gefühlen, umgänglicher und fröhlicher …“.

Militärischer Seitensprung

Ein natürlicheres, wenn auch weniger tugendhaftes Milieu konnte ich jeweils erleben, wenn ich in den Militärdienst einrückte. Ich absolvierte den Dienst bei den Rettungstruppen, damals noch Luftschutztruppen, wo mich ein eigendynamisches Aufstiegsstreben bis zum Grad eines Oberleutnants führte und ich durch die Führungsaufgaben vertiefte Menschenkenntnisse gewinnen konnte. Für einen Theologiestudenten war das ungewöhnlich und sorgte bei Kollegen für Irritation. Für sie war militärische Gewalt mit christlicher Friedensliebe unvereinbar. Meine Einschätzung der Menschennatur war in diesem Punkt weniger idealistisch.

Am Berufsziel Priester begann ich immer mehr zu zweifeln. Ich fragte mich nach dessen Sinn in unserer Zeit. Auf der Suche fand ich eine Zeitlang Gefallen an Ideen von neomarxistischen Autoren wie Milan Machovec in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ oder Konrad Farner. Meine wenigen Bücher ordnete ich im Büchergestell streng abgestuft nach Höhe ein, vielleicht um meine innere Unsicherheit durch eine äussere Ordnung zu stabilisieren.

Kapitel 7

Sinnieren am See und die anthropologische Wende

Nach einem Jahr verliess ich das Priesterseminar. Damals war das ein unüblicher Schritt. Ich zog in ein winziges Zimmer im Keller eines Mehrfamilienhauses hinter dem Pulverturm der Luzerner Stadtmauer.

Zu Mittag verpflegte ich mich in einem Coop- oder Migros-Restaurant, häufig mit Quiche Lorraine mangels kostengünstiger Alternativen. Abends unternahm ich häufig ausgedehnte Spaziergänge am Luzerner Seequai entlang. Ich schaute den kreischenden Möwen nach, beobachtete die schwarzen Blässhühnchen, wie sie mit ihren Faltfüssen in die Tiefe strampelten, oder die Enten, die schnatternd ihren Bräuten nachjagten. Das Naturerlebnis, das sich in Luzern so eindrücklich präsentiert, inspirierte mich, über das Leben und den Kosmos zu sinnieren. Vielleicht hätte ich Naturwissenschaften studiert, wäre ich nicht Theologe geworden – oder Gärtner.

Staunen über die Evolution

Leider kamen kosmologische oder naturphilosophische Themen damals im Theologiestudium kaum vor. Ein Theologe, der sich der Verbindung von Naturwissenschaft und Theologie widmete, war der französische Jesuitenpater Teilhard de Chardin, der auch ein anerkannter Evolutionsforscher war. Eine Arbeit im Fach Anthropologie und ein schmales Bändchen des Luzerner Teilhard-Spezialisten Vital Kopp brachte mich Teilhards Naturphilosophie etwas näher. Sie führten mich in die unermesslichen zeitlichen Räume der Evolution und der natürlichen Vielfalt. Eine Postkarte, die Luzern mit Gletschern überzogen und als Sandstrand mit Palmen zeigt, sowie eine Karte mit einer prächtigen Blumenwiese, brachten mich immer wieder zum Staunen über die kosmologische und evolutionäre Entwicklung. Bis heute habe ich die Karten aufbewahrt.

Das Theologiestudium war damals in Luzern noch nach dem herkömmlichen Schema aufgebaut. In den ersten Jahren lag ein Schwerpunkt auf der Philosophie, der „Magd der Theologie“. Für mich war die Magd allerdings bald interessanter als die Herrin. Besonders angetan hat es mir die „Philosophische Anthropologie“. Sie stellt die Frage, was das Wesen und die Stellung des Menschen im Weltganzen ist. Ich ackerte mich damals durch eine kleine Einführung in die philosophische Anthropologie von Michael Landmann und lernte sie halb auswendig. Sogar eine ganze Buchreihe über die philosophische Anthropologie habe ich mir angeschafft. Die Frage, was der Mensch sei und was das Menschsein ausmache, interessierte mich brennend, vermutlich nicht nur aus akademischen, sondern auch persönlichen Gründen: Nicht nur, wer der Mensch sei, sondern wer der Mensch Markus sei. Ich durchforstete die Schriften von Konrad Lorenz nach Antworten auf die Frage, wieweit menschliches Verhalten angeboren und wieweit es kulturell erlernt ist. Der Basler Biologen Adolf Portmann sensibilisierte mein Verständnis des Menschen als eines Wesens, das von Natur aus auf Kultur angelegt ist. Es wird von der Natur halbfertig entlassen in ein „extrauterines Frühjahr“, in dem es in seine kulturelle Natur hineinzuwachsen beginnt.

Selbst Gott steht in Frage

Anthropologische Überlegungen hatten auch in die Theologie Einzug gehalten. Der Professor für Fundamentaltheologie mit einer ausgeprägten Gabe für träfe und bildhafte Vergleiche und einem Gespür für die Fragen der Zeit, brachte uns in seiner Vorlesung eine „anthropologische Theologie“ näher. Als schriftliches Semesterexamen liess er uns seine Überlegungen zusammenfassen. In meiner Arbeit stand: „Keine der alten Weltdeutungen ist dem Menschen heute verbindlich und eine neue allgemein anerkannte gibt es nicht. Selbst dass ein Gott ist, gehört nicht mehr zu den fraglosen Selbstverständlichkeiten. Der Mensch ist sich selbst fragwürdig geworden. Wie nie zuvor forscht er nach seinem eigenen Sinn und Sein, nach seinem eigenen Woher und Wohin.“*

Mit der anthropologischen Wende schien es mir sinnvoll, mich auch in meinem Studium mehr dem Menschen zuzuwenden. Nach zwei Studienjahren in Luzern beschloss ich daher, an die Universität Freiburg zu wechseln und das Theologiestudium um humanwissenschaftliche Disziplinen zu ergänzen.

Kapitel 8

Theologische Floskeln oder Die Nachtigall und die Lerche

In Freiburg hatte ich das Milieu verlassen, das nur auf Kirche und Theologie ausgerichtet war. Ich studierte jetzt an einer Universität mit dem ganzen Spektrum an Fakultäten, wo auch Kontakte über die Fakultätsgrenzen hinaus möglich waren. Mein Domizil hatte ich im Schönberg bezogen, einem Neubauquartier jenseits der Saane, wo ich jahrelang ein Zimmer mit separatem Eingang bei einer Familie bewohnte.

Das Theologiestudium kombinierte ich mit dem Nebenfach „Pädagogische und Entwicklungspsychologie” an der Fakultät Phil I.. Damit vollzog ich meine anthropologische Wende auch studienmässig. Ich vertiefte mich in erfahrungswissenschaftliche Konzepte der Lerntheorie und die kognitive Entwicklung des Kindes. Dabei lernte ich auch die Theorien von Jean Piaget kennen und seine Forschungen zum Denken und Weltbild des Kindes, das sich in Stufen entwickelt und auch eine animistische Phase kennt.

An der theologischen Fakultät standen in Freiburg damals biblische Fächer hoch im Kurs. Die Professoren, die sie lehrten, waren bei den Studenten beliebt und galten als aufgeschlossen. Mein Interesse an Bibelstudien war indessen begrenzt. Mich interessierten Fragen unserer Zeit mehr als die Verhältnisse im Alten Orient.

Akademische Fingerübungen

Antworten auf diese aktuellen Fragen suchte ich zu finden in den systematischen Fächern wie der Dogmatik und Moraltheologie. Die neuthomistische Schule war in Freiburg bei einzelnen Professoren noch lebendig. Beredt und charmant versuchte uns der Dominikanerpater und Dogmatikprofessor und spätere Kardinal von Wien, Christoph Schönborn, die Gedankengänge seines mittelalterlichen Ordensbruders Thomas von Aquin näher zu bringen. Für ein moraltheologisches Seminar wurde einmal sogar der längst emeritierte Dominikaner Joseph Maria Bochenski reaktiviert, eine Koryphäe des logischen Denkens, für den die ganze Welt nur aus Logik bestand.

Die scholastischen Spekulationen und logischen Überlegungen fand ich als akademische Fingerübungen ganz reizvoll, sah aber oft die Fragen nicht, auf die sie Antworten gaben. Mir schien, die Theologie löse geistreich Probleme, die man ohne sie nicht hat. Umgekehrt fand ich keine Antworten auf die Fragen, die mich beschäftigten.

Abzweigung ins Schwammige

Durch die Beschäftigung mit den humanwissenschaftlichen Disziplinen wurden mir die Unterschiede zur Theologie bewusst. In den empirischen Disziplinen werden Erkenntnisse und Hypothesen allgemein nachvollziehbar begründet. Bei den Theologen beginnt der Erkenntnisweg oft auch bei allgemein menschlichen Erfahrungen, gelangt dann aber schnell an eine Gabelung, wo er sich ins Schwammige verliert oder schon voraussetzt, was er eigentlich allgemein einsichtig begründen sollte. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Unklarheiten und Leerstellen bewusst mit hochtrabenden Formulierungen oder schwer verständlichen theologischen Floskeln verwischt und überspielt, so dass ich an die Fabel von Lessing „Die Nachtigall und die Lerche“ denken musste: „Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des grössten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?“

Klarsicht dank Geschichte

Auf der Suche nach Klarheit ging ich im Studium immer mehr eigene Wege. Ich merkte, dass theologische Sinnzusammenhänge, Begriffe und Konzepte besser zu verstehen sind, wenn man ihre Entstehungsgeschichte kennt. So vertiefte ich mich in religionsgeschichtliche Studien. Ich erinnere mich, wie ich über Ostern einst eine Abhandlung von Albert Schweitzer las, die mir die ursprüngliche Bedeutung des Abendmahles erschloss. Die kleine Schrift „Das Urchristentum“ des protestantischen Theologen Rudolph Bultmann liess mich das Christentum als eine unter vielen antiken Religionen sehen, die zahlreiche Anleihen bei verwandten Kulten und Mysterienreligionen der damaligen Zeit machte, vor allem beim Mithraskult. Ein ganzer Stapel weiterer religionsgeschichtlicher und religionswissenschaftlicher Fachbücher brachte mir Einsichten in die Ideenwelt des christlichen Glaubens, die ich in dieser Klarheit in der Theologie nicht gefunden hatte.

Besonders angetan hatten es mir Schriften von Ernst Troeltsch, auch er ein protestantischer Theologe und Kulturphilosoph. Wochenlang ackerte ich mich durch seinen dicken Wälzer „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“ und verschlang seine Schrift „Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte“.

Kapitel 9

Das Trojanische Pferd der unfrommen Denkart

Meine Vertiefung in die christlichen Glaubensvorstellungen aus geschichtlicher Perspektive brachten mir die erstrebte Klarheit über die christliche Ideenwelt. Sie hatten aber Nebenwirkungen, die dem Glauben nicht förderlich waren.

Das Theologiestudium hatte ich begonnen, um meinen ererbten und „verwachsenen“ Glauben auf eine bewusste Ebene zu heben. Als Priester sollte ich ja ein Spezialist und Kundiger dieses Glaubens sein und ihn weitervermitteln und erklären können. Glaubenskompetenz zu erlangen ist der Sinn eines Theologiestudiums. Die „mit der Seele verwachsene Welt, die nicht formuliert und gegenständlich gewusst wird“, sollte sich, um es mit Karl Jaspers zu sagen, verwandeln in eine objektivierte, gewusste Welt, über die man Auskunft geben kann.

Zu Beginn meines Studiums habe ich zu diesem beabsichtigten Entwicklungsprozess die Ausführungen des Professors für Fundamentaltheologie notiert: Die „analytische Desintegrierung des spontanen Glaubensvollzuges“ stehe unter dem Zweck einer „synthetischen Integration des Glaubensvollzuges“ auf höherer Ebene. Die analytische Sezierung soll mit anderen Worten helfen, den Glauben der Kindheit in einen mündigen, bewussten und reifen Erwachsenenglauben zu transformieren und ihn geläutert neu aufleben zu lassen.

So war es gemeint, doch so hat es nicht funktioniert bei mir. Denn meine Studien der Glaubensvorstellungen unter profaner Perspektive führte anstatt zur Festigung des Glaubensfundaments zu dessen fundamentaler Relativierung.

Denn die profane Perspektive auf den Glauben kommt der theologischen Sicht in die Quere. Die Theologie sieht ihren Untersuchungsgegenstand im Lichte letzter Wahrheiten. Sie ist eine normative Wissenschaft, die sich mit Heilswissen befasst. Profane Wissenschaften wie die Geschichtswissenschaft sind dagegen nicht an letzte Wahrheiten gebunden. Sie erforschen ihr Gebiet ohne Rücksicht auf dogmatische Voraussetzungen oder unhinterfragbare Autoritäten. Ihre Erkenntnisse sollen allen mit der Sache Vertrauten einsichtig sein und kein gläubiges Auge voraussetzen.

Wenn sich ein Theologe nun im Bemühen um Klärung der Glaubensvorstellungen bei profanen Wissenschaften wie der Geschichtswissenschaft bedient, schleust er wie ein Trojanisches Pferd nicht nur profanes Wissen ein, sondern zugleich auch die profane Denkweise, eine Denkweise, die den Kern des Glaubens unterminieren kann.

Denn die profane Denkweise kann nirgends übernatürliche Kräfte am Werk erkennen. Sie stösst immer nur auf menschliche Einflüsse. Ein Wirken höherer Mächte ist für sie empirisch nirgends nachweisbar. Die absoluten und zeitlosen Glaubenswahrheiten und göttliche Gnadengeschenke der Theologie werden in ihrem Licht durchschaubar als „Veranstaltung des kulturschaffenden Menschen“ (Löwith Über Weber WaB). In profaner Optik entpuppen sie sich noch in ihrem innersten Kern als Menschenwerk, soziohistorisch verortet und bedingt durch menschlich-allzumenschliche Verflechtungen. Es lässt sich kein Kern herausschälen, der nicht der menschlichen Historie angehört. Das läuft auf eine fundamentale Relativierung des Glaubens hinaus.

Es war wohl diese Erfahrung der Relativierung, die mich damals hellhörig für die Schriften von Ernst Troeltsch gemacht hat. Die historische Methode, stellt er fest, „relativiert alles und jedes“, indem sie sämtliche Teile der Tradition als zeitgeschichtlich bedingt nachweise. Wer ihr „den kleinen Finger gegeben“ habe, müsse „ihr auch die ganze Hand geben“. Troeltsch stellt die Relativierung dem Anspruch auf Absolutheit gegenüber, der jedem naiven Denken eigen ist. Man könnte auch sagen, der das Charakteristikum jedes „verwachsenen Glaubens“ ist. „Die Absolutheit ist ein allgemeines Merkmal des naiven Denkens.“ „… jede überkommene Regel und Sitte gilt dem naiven Menschen als absolut. … Jede religiöse Verehrung betrachtet sich für den Umkreis ihres Bereiches von Hause aus und selbstverständlich als absolut, und jede Universalreligion tut das Gleiche für jeden denkbaren Bereich überhaupt.“ (Troeltsch 734)

Kapitel 10

Die Entzauberung der Welt und der Flug mit dem Gleitschirm

Lange vor der profanen Geschichtsforschung haben schon die empirischen Naturwissenschaften göttliche Wirkmächte aus dem Verständnis von Natur und Kosmos verdrängt. Der Soziologe Max Weber hat diese Entwicklung als „Entzauberung der Welt“ beschrieben. Die Entzauberung ist nicht bloss die Folge eines reichhaltigeren Wissens über Naturzusammenhänge, sondern einer prinzipiell anderen Sicht auf die Natur und die Lebensbedingungen. „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung,“ schreibt er in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“, bedeute „nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge im Prinzip durch Berechnen beherrschen könne.“ Das bedeute „die Entzauberung der Welt.“3Den Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ hat Max Weber 1917 in München gehalten. In gedruckter Form ist er erstmals 1919 erschienen.

Mit Vernunft zu Gott

Das Thema Natur hat mich immer interessiert. Gerne hätte ich im Studium mehr erfahren über die Beziehung zwischen Theologie und Naturwissenschaften, fand zu diesem Thema aber damals bis auf die Überlegungen des Jesuitenpaters und Evolutionsforscher Teilhard de Chardin wenig. Spannende Einsichten in die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften vermittelte mir aber zum Beispiel der Wissenschaftshistoriker Alistair C. Crombie in seinem Buch „Von Augustinus bis Galilei – Die Emanzipation der Naturwissenschaft“4Alistair C. Crombie. Von Augustinus bis Galilei. Die Emanzipation der Naturwissenschaft. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1977 (Original in Englisch, 1959) Besonders interessant fand ich zu sehen, wie das empirische Denken der Naturwissenschaften auch durch theologische Konzepte ins Rollen gebracht wurde.

Wilhelm von Ockham zum Beispiel, ein Franziskanermönch des Mittelalters, bereitete der naturwissenschaftlichen Methode den Boden mit seiner theologischen Überzeugung, dass Gott für die menschliche Vernunft gänzlich unbegreiflich sei, und Glauben und Wissen zwei voneinander völlig getrennte Wahrheitsbereiche seien. Ockham wandte sich damit gegen den Erkenntnisoptimismus der damaligen mittelalterlichen Scholastiker. Sie waren überzeugt, Gottes Existenz und die Offenbarungswahrheiten mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft beweisen und begründen zu können. Einer der grossen Vertreter dieser „natürlichen Theologie“ war Thomas von Aquin. In seinem Riesenwerk „Summa theologica“ lieferte er Erklärungen von Gott und Welt auf der Grundlage der philosophischen Konzepte des antiken Philosophen Aristoteles, damals eine der grössten wissenschaftlichen Autoritäten. Wissenschaft betreiben hiess in jener Zeit, die Texte von Autoritäten zu studieren, sie methodisch und logisch zu interpretieren und auf dem Weg der Spekulation zu Ergebnissen zu kommen. Das Interesse galt dabei den Allgemeinbegriffen, die als metaphysische Wesenheiten, „Substanzen“, verstanden wurden, Der Fortschritt der Wissenschaft war der Kommentar oder der Kommentar des Kommentars.

Ockham und die Wende zur Empirie

Für Wilhelm von Ockham waren die Allgemeinbegriffe dagegen keine Wesenheiten, sondern blosse nomina, Namen, die nur im denkenden Geist existierten. Daher ergaben auch autoritätsgestützte Spekulationen über Wesenheiten für ihn keinen Sinn. Das hatte tiefgreifende Folgen für das wissenschaftliche Verständnis und dessen Methoden. Nicht mehr Allgemeinbegriffe und metaphysische Wesenheiten bestimmten das wissenschaftliche Interesse, sondern die Einzeldinge. Einzeldinge aber erkennt man nicht, indem man über sie spekuliert, sondern indem man sie beobachtet und analysiert. An die Stelle der Spekulation trat damit die Erfahrungswirklichkeit, die Empirie, und die Autoritäten wurden abgelöst von neuen Methoden der Wirklichkeitserkenntnis – der Beobachtung, des Experiments, der mathematischen Berechnung etc.

Die Übernatur wird überflüssig

Die Folgen waren für die theologische Weltdeutung verhängnisvoll. Denn die empirische Erforschung der Natur hatte den gleichen Effekt wie später die Geschichtswissenschaften: Sie machte übernatürliche Kräfte und Mächte zur Erklärung der physischen Natur überflüssig. Die Natur erschien nun nicht mehr als göttliches Werk, sondern als geschlossenes System empirischer Kräfte, das übernatürliche Mächte als Erklärungsprinzip überflüssig macht.

Mit anderen Worten bedeutete das Aufkommen der empirischen Wissenschaften das „Ende der Metaphysik“, wie es der Titel eines Buches von Ernst Topitsch formuliert, das ich damals verschlungen habe.5 Ernst Topitsch. Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Eine Studie zur Weltanschauungskritik. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1972 (Erstmals bei Springer, Wien, 1958)

Und das Paradoxe daran war, dass diese Entwicklung am Anfang durch theologische Überzeugungen in Gang gesetzt wurde. Metaphysik führte zum Ende der Metaphysik und zur Entzauberung der Welt. Diese paradoxe Entwicklung hat mich fasziniert. Deshalb habe ich sie hier ausführlicher zusammengefasst.

Das Ende meiner Metaphysik

Fasziniert hat mich das Paradox aber auch darum, weil diese empirische Sicht auf den Glauben auch das Ende meiner Metaphysik bedeutete. „Die Früchte der Gelehrsamkeit sind nicht dazu angetan, die Glaubensinbrunst anzufachen,“ sagt der Religionssoziologe Peter Berger, dem ich viele Einsichten verdanke. (Häresie 83) Ein Theologe, der sich zur Begründung seines Glaubens auch ernsthaft mit empirischen Wissenschaften beschäftigt, wird am Ende diesen Glauben nicht begründen, sondern „entzaubern“. Darin besteht das Paradox, und die Ironie ist, dass dieses Paradox den Glaubensexperten stärker betrifft als normale Gläubige, die sich nicht wissenschaftlich mit dem Glauben befassen müssen, und unangefochten im „verwachsenen Glauben“ verweilen können. Für den Glaubensexperten ist das Glaubenswissen am Ende nicht mehr „verwachsen“, sondern „bloss noch noch gewusst“, und „nicht mehr zu eigen gemacht“, um es in Jaspers Worten zu sagen.6Karl Jaspers. Psychologie der Weltanschauungen. Sechste Auflage. Springer-Verlag, 1971. Seite 146

… und ich blieb am Boden

Mich erinnerte diese Entwicklung immer an einen sportlichen Geschäftsevent. Die Sportpsychologie kennt das Phänomen, dass auf Analyse Paralyse folgen kann. Automatismen, die zuvor unbewusst ablaufen und gelingen, scheitern plötzlich, wenn sie bewusst vollzogen werden sollen.

Bei unserem Geschäftsevent wurden wir auf einer Alp in die Kunst des Gleitschirmfliegens eingeführt. Der erste, spontane Flug gelang mir wunderbar. Ich hob ab und schwebte über dem Boden. Der Fluglehrer war entsetzt, befahl mir sofort zu landen und instruierte mich genau über die Flugtechnik, die ich zu beachten hätte. Danach gelang mir kein einziger Flug mehr. Ich blieb am Boden.