„Die Realität lügt,
denn die Realität ist
nicht realistisch.
Es gibt nur eine Realität,
die Ewigkeit.“
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Kapitel 1
Eine Entdeckung an der Schipfe und der Turm von Montaigne
An der Schipfe in Zürich, einem alten Stadtquartier, existierte bis vor einigen Jahren ein kleiner Laden, der allerhand Kuriositäten feilbot, und dessen Fensterläden mit tiefsinnigen Zitaten geschmückt waren. Am rechten Laden stand: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“
Das Zitat klingt rätselhaft. Es soll vom Schriftsteller Eugène Ionesco stammen, aber ich konnte nie herausfinden, wo er es gesagt oder geschrieben hat, und wie er es meinte. Entdeckt habe ich den Satz im Dezember 2010 auf einem Winterspaziergang durch Zürich mit Mirjam, und schlagartig hat er mich berührt. Irgendwie schien es auf den Punkt zu bringen, was in mir lange schlummerte und gärte. Es wirkte wie die Quintessenz meiner Einsichten und Gedanken.
Daher nahm ich mir vor, dem Interesse an dem Zitat gründlicher nachzuforschen und setzte diese Aufgabe als Projekt für die Zeit nach dem Berufsleben auf meine Liste.
Skeptiker im Turmgemach
Schon in früheren Jahren hatte ich Vorstellungen, wie ich meinen Ruhestand gestalten wollte. Mir schwebte vor, an einem lauschigen Ort in Musse meinen Gedanken nachzuhängen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Vorbild dieses Traumes war Michel de Montaigne, der französische Philosoph und Humanist, der im 16. Jahrhundert diese Vision verwirklicht hatte. Auf seinem Schloss im Périgord im heutigen Departement Dordogne machte er sich in einem Turmgemach Gedenken über sein Leben und die Einsichten, die es ihm beschert hatte, und schrieb sie freimütig nieder in seinem Werk „Die Essais“.
Auf diese Essais bin ich gestossen während meines Theologiestudiums, das mich zum Zweifler gemacht hatte und mich nach Verwandten im Geiste suchen liess. Montaigne war eine der ersten Adressen.
Montaignes Wahlspruch lautete „Que sais-je?“ – „Was kann ich (schon) wissen?“. Der Philosoph hatte die Grenzen menschlicher Erkenntnis durchschaut und hegte eine tiefe Skepsis gegen alle menschlichen Gewissheitsansprüche. Die französischen Religionskriege hatten ihm vor Augen geführt, was Gewissheitswahn und Dogmatismus anrichten konnten, und auf seinen Reisen erlebte er, wie relativ Weltbilder sind. Was ist dran an einer „Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird?“, fragte er sich in einem seiner Essais.1Michel de Montaigne: Die Essais. Zweites Buch. Apologie des Raimond Sebond. Reclam, Stuttgart 1953, Seite 228
Zerplatzte Gewissheit
In Montaignes Gedanken fand ich ausgedrückt, was mich damals zunehmend beschäftigte. Immer mehr öffnete sich während des Studiums mein Blick für die Relativität meines eigenen Weltbildes. Die Sinnwelt, in die ich als Kind hineingewachsen war, und die mir als fraglose Gewissheit erschien, wurde immer zweifelhafter.
Das ist eine Erfahrung, die viele andere Menschen wohl auch machen, wenn sie der Sinnwelt entwachsen, in die sie hinein geboren wurden. Aber nicht für alle wird diese Erfahrung zum Problem wie bei mir. Ich war unterwegs zum Priesterberuf, und dieser Beruf setzt ein Weltbild oder eine Sinnwelt voraus, die mir zweifelhaft wurde. Als Priester hätte ich in diesem Weltbild nicht nur verankert sein müssen, sondern ich hätte auch die Aufgabe gehabt, es als dessen Experte und Spezialist zu vertreten und zu propagieren. Ich wäre Sinnexperte einer Sinnagentur geworden, die über die letzten Dinge und Wahrheiten Bescheid zu wissen und Auskunft geben zu können glaubt.
Daran hat mich meine Skepsis gehindert. Sie hat es mir verunmöglicht, an mein ursprüngliches Berufsziel zu gelangen und gab meinem Lebensweg eine andere Richtung.
Einige Züge meines Wesens
Am Schluss war es jedoch erneut diese Skepsis, die mich dem ursprünglichen Ziel wieder näher brachte, wenn auch in abgewandelter Form. Eine Erklärung dafür liegt in dem Zitat, das mich spontan so berührt hat: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“
Unter diesem Leitgedanken blicke ich hier auf meinen Lebensweg zurück und versuche mir einen Reim auf seinen Lauf und seine Wendungen zu machen. Ich tue das in erster Linie in meinem Interesse und zu meinem Vergnügen. Gern schliesse ich mich aber auch dem Rat an, den Montaigne seinen Essais vorangestellt hat: „Ich wünschte, es könnte meinen Verwandten und meinen Freunden nützlich sein: Wenn ich nicht mehr bei ihnen bin, können sie in diesem Buche vielleicht einige Züge meines Wesens und meiner Gemütsart wiederfinden und dadurch das Bild, das sie von mir gewonnen haben, vervollständigen und beleben.“2Michel de Montaigne: Die Essais. An den Leser. Reclam, Stuttgart 1953, Seite
Kapitel 2
Blick auf die Fraubrik und eine Glace nach der Messe
Ich bin 1953 auf dem Kanapee eines Arbeiterhauses an der Hauptstrasse in Grellingen im Laufental zur Welt gekommen. Mein Vater war Werkmeister in der Schappe, einer Fabrik zur Seidenverarbeitung, wo auch meine Mutter früher gearbeitet hatte. Das halbe Dorf Grellingen war bei der Schappe beschäftigt. Für mich war die Fabrik die „Fraubrik“, weil ich beim Schichtwechsel immer Scharen von Frauen durch die Fabrikpforte strömen sah. Ich hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, Liselotte, und einen Bruder, Konrad, der schon früh verstorben war. An Heiligabend ging der Vater mit uns sein Grab auf dem Friedhof besuchen, während das Christkind daheim den Weihnachtsbaum schmückte und die Geschenke darunter legte. Im Advent hatten wir ein Brieflein mit unseren Wünschen vors Fenster gelegt und gespannt gewartet, bis es vom Christkind abgeholt wurde.
Das Laufental gehört seit alters zum Bistum Basel und war geprägt vom katholischen Glauben mit seinen Bräuchen und Riten. Gütige Ordensschwestern mit geschwungenen Hauben betreuten den Kindergarten, und meine Primarlehrerin ging später in die Missionen. Am Sonntag gehörte der Besuch der Heiligen Messe zum festen Programm. In adretten Sonntagskleidchen schritten wir mit unserer Mutter auf der Hauptstrasse ohne Trottoir zur Pfarrkirche am anderen Dorfende. Wenn ich brav war und nicht vor Langeweile auf der Kirchenbank herumturnte, gab es beim Bäcker Jakob nach der Messe eine Glace.
Die verwachsene Glaubenswelt
Für die meisten Leute war der Glaube damals das Selbstverständlichste der Welt. Auch meine Mutter praktizierte ihn gewissenhaft ohne Frömmelei. Nur einmal habe ich erlebt, wie sie sich mit Tante Olgi, eine ihrer zahlreichen Schwestern und stramme Katholikin, heftig über irgendein Glaubensdetail stritt. Sonst aber war der Glaube da als stumme Gewissheit, eingewoben in das Leben, Denken und Fühlen der Menschen. Er war das, was der Philosoph Karl Jaspers beschreibt als eine Lebenswelt, die mit der Seele „verwachsen“ ist. Diese „erlebte, mit der Seele verwachsene Welt“, sei, schreibt Jaspers, „nicht formuliert und gegenständlich gewusst“, jedoch „eminent wirksam“ „als ‚Lebenswissen’, als Können, als Gefühl und Wertung“. 1
Mit dem Velo nach Mariastein
Mein Vater besuchte die Messe lieber im Kloster Mariastein, wohin er mit dem Velo fuhr und mich manchmal auf dem Kindersitz mitnahm. Er war kein eingefleischter Katholik und neigte eher dem Freisinn als den Katholisch-Konservativen zu, wie mir später meine Mutter sagte. Aber von der Macht und Pracht der katholischen Kirche war auch er angetan. Als Papst Pius XII. starb, kaufte er für damals teures Geld die Illustrierte „Paris Match“, die in epischer Breite mit Bild und Text über den Papst und sein Begräbnis berichtete.
Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Vater an einem Leberleiden. Während er daheim in der Stube aufgebahrt wurde, schickte mich die Verwandtschaft zur Ablenkung ins Dorf, um beim Metzger etwas einzukaufen. Dieser wollte von mir wissen, ob mein Vater gestorben sei, wie es sich im Dorf herum gesprochen hatte. Ich wusste von nichts, und er reichte mir ein Rädchen Wurst.
Fortan musste meine Mutter für die Familie sorgen. Sie ging wieder in der Schappe arbeiten. Während sie das Haus frühmorgens zur Arbeit verliess, machten wir Kinder uns selbständig auf zur Schule, den eisernen Hausschlüssel um den Hals gebunden.
Kapitel 3
Die Hühner der Frau Hofer und die Freude am Altar
Anfang der sechziger Jahre wechselte die Mutter in das Schappe-Werk Angenstein bei Aesch im Baselbiet, und wir zogen nach Aesch in eine Arbeitersiedlung der Schappe beim Bahnhof.
Die Wohnung war klein und ohne Komfort. Es gab kein Warmwasser, gebadet wurde in der Waschküche und geheizt mit Holz und Kohle. Zum Telefonieren gingen wir in die Telefonkabine am Bahnhof. Unterhaltung und Nachrichten bot uns das Radio. Ich mag mich noch an die Nachricht eines frühen Morgens erinnern, dass Präsident Kennedy erschossen worden sei. Der einzige Fernseher weit und breit stand bei unserem Nachbarn mit dem gelähmten Bein. Hier durften wir «Fury», «Lassy», «Ivanhoe», «Am Fuss der Blauen Berge» oder «Es darf gelacht werden» schauen, bis die Herrlichkeit vorbei war, weil das Bild zu flimmern und zu laufen begann.
Meine Mutter war eine lebensfrohe, eigenständige und zupackende Frau. Bald nach dem Einzug hatte sie unsere Arbeiterwohnung mit Durchlauferhitzer, Ölofen und Kühlschrank aufgerüstet und auch Geld gespart für Ferien in Cesenatico an der Adria und später in Minori an der Amalfiküste, wo wir bei einer Italienerfamilie eingeladen waren.
Spriessende Tulpen und italienisches Flair
Trotz seiner Bescheidenheit war für uns Kinder der Wohnort an der Industriestrasse ein kleines Paradies. Hier konnten wir nach Herzenslust im Freien spielen, der Birs entlang Streifzüge unternehmen, uns am Bahnhof herumtreiben oder in den nahen Wald eintauchen. Im Garten sahen wir die Beeren reifen, das Gemüse wachsen und Tulpen und Gladiolen aus der Erde spriessen. Zur Sommerzeit entfaltete sich die Vegetation am Flussufer mit Wucht, und ich kam mir vor wie ein Naturforscher, wenn ich Expeditionen durch das Dickicht unternahm. In einem frühen Schulaufsatz habe ich auch die Hühner der Frau Hofer verewigt.
Viele Nachbarn in der Arbeitersiedlung waren Gastarbeiter aus Italien. Wir gingen ein und aus in ihren Wohnungen, rochen den Duft ihrer köchelnden Fleischsaucen und besuchten am Samstagabend mit ihnen das „Ritrovo“, wo sie sich zu Geselligkeit trafen und Filme aus der Heimat schauten. Amüsant fanden wir die Namen unserer Hausbewohner nebenan: Oben wohnte eine Familie Pollo und unten eine Familie Pulcini, also eine Familie Huhn und eine Familie Küken.
Der liebe Gott und der freche Philosoph
In der Schule war der Religionsunterricht fest im Stundenplan verankert. Als Erstklässler durften wir auf Bibelillustrationen den lieben Gott ausmalen, wie er im Zorn Adam und Eva aus dem Paradies jagte. Später verwandelten sich die heilgeschichtlichen Illustrationen zu unserer Enttäuschung in langweilige Symbolzeichnungen. Auf der Oberstufe erzählte uns der Vikar einst von einem frechen Philosophen, der behauptet habe, Gott sei tot, und er ersetzte den Satz „Gott ist tot“ an der Wandtafel triumphierend mit „Nietzsche ist tot“.
Am Samstag war der Gang zur Beichte lästige Pflicht. Wir flüsterten unsere Sünden im Beichtstuhl ins Ohr des Beichtvaters, und hofften, dass er bei heiklen Punkten nicht nachhakte. Nach der Absolution beteten wir im Hochgefühl der Sündenbefreiung die Vaterunser, die uns als Busse aufgebrummt wurden.
Zum Altare Gottes will ich treten
Nach der Erstkommunion wurde ich für würdig befunden, in den Kreis der Ministranten aufgenommen zu werden. Mit dem Oberministranten Franz lernte ich lateinische Messtexte auswendig, das Stufengebet „Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam – Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut“, das Confiteor, das Credo und andere Gebete. Was ich betete, wusste ich nicht. Wenn mir während der Messe der Text entfiel, überbrückte ich die Lücke mit Gemurmel bis ich wieder festen lateinischen Boden unter den Füssen hatte.
Den katholische Kosmos mit seinen Riten und Traditionen erlebte ich in meiner Kindheit noch als wirkmächtig und intakt. Doch am Horizont kündigten sich einschneidende Veränderungen an. Ich erinnere mich an unseren Pfarrer, einen hochgewachsenen, strengen und hochwürdigen Herrn, der meist sehr ernst auftrat. Aber auch er konnte seine Begeisterung nicht verbergen, als er von einem Ereignis sprach, das demnächst in Rom stattfinde und ungemein wichtig sei. Gemeint war das Zweite Vatikanische Konzil.
Kapitel 4
Barocke Pracht und antike Heiterkeit
Ende 1966 musste alles ganz schnell gehen. Pfarrer und Lehrer hatten mich für den Priesterberuf vorgesehen. Ob ich selber je diesen Berufswunsch geäussert habe, weiss ich nicht mehr. Der Priesterberuf war im katholischen Milieu damals hoch angesehen. Für manche Buben galt er als Wunschberuf wie jener des Lokführers oder des Missionars, der in fernen Ländern Abenteuer erlebte. Ausersehen wurde ich wohl, weil ich dem damaligen „Beuteschema“ für kirchlichen Nachwuchs entsprach.
Ich war ein fröhlicher Bub, ein guter Schüler und arglos wie die Tauben. Ein Kamerad erzählte mir auf dem Schulweg einmal von einem Mädchen, das ungewollt ein Kind erwartete. Altklug bemerkte er, das wundere ihn nicht, da es ja gerne die Nähe zur Männerwelt suche. Ich sah da keinen Zusammenhang.
Ich war wissbegierig und las viel. Die „Schweizer Jugend“ gehörte zur wöchentlichen Lektüre. Um die Lektüre von „Alibaba und die vierzig Räuber“ – oder war es der „Lederstrumpf“ oder „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ – nicht unterbrechen zu müssen, liess ich mich einmal sogar krank melden.
Schwarze Socken und eine Soutane
Der Weg zum Priesterberuf folgte damals einem typischen Muster. War jemand zum Priester ausersehen, wurde er an ein katholisches Gymnasium geschickt. Zu den renommiertesten Kollegien zählten die Klosterschulen von Einsiedeln, Engelberg oder Disentis. Mein Pfarrer fragte in Einsiedeln nach, und das Glück oder der Zufall – oder die göttliche Vorsehung? – wollten es, dass an der Stiftsschule Einsiedeln kurzfristig ein Platz frei geworden war. Eilig strickten meine Tanten stapelweise schwarze Socken, und die Mutter versah meine Kleider mit der Nummer 139.
An einem eisig kalten Wintertag anfangs Januar 1967 trafen wir mit dem Zug in Einsiedeln ein, wo mich meine Mutter an der Klosterschule beim Präfekten abgab.
So wurde ich als Zwölfjähriger aus dem bescheidenen Arbeitermilieu in den imposanten katholischen Kosmos des Klosters Einsiedeln verpflanzt. Ich war nun einer von über dreihundert Internatsschülern an der Stiftsschule. Wir steckten alle in einer schwarzen Soutane, umgürtet mit einem Cingulum, was uns wie kleine Pfarrer aussehen liess, und auch die Gleichheit unter den „Studenten“ betonte. Wir Stiftsschüler wurden „Studenten“ genannt. Mädchen gab es damals noch keine an der Schule. Manche „Studenten“ stammten aus wohlhabenden Familien. Das Kloster sah aber seine Aufgabe darin, auch Kinder aus weniger betuchten Familien zu fördern, weil das dem christlichen Auftrag entsprach und der priesterlichen Nachwuchsrekrutierung förderlich war.
Zehn Stunden Latein und die Sehnsucht nach dem Süden
Sieben Jahre verbrachte ich in der barocken Pracht der Einsiedler Benediktiner, die damals noch eine stattliche Gemeinschaft bildeten. Unsere Lehrer waren alle Mönche bis auf den Biologie- und den Turnlehrer. Angeredet wurden sie in alter kirchenfürstlicher Manier nicht mit Pater, sondern mit „Herr“. Für uns Studenten waren es „die Schwarzen“, für die wir alle Spitznamen hatten.
Untergebracht waren wir Klosterschüler der unteren Klassen in grossen Schlafsälen mit zehn bis dreissig Betten unter dem Klosterdach. In den oberen Klassen und im „Lyceum“ standen uns kleine Zellen, „Buden“, zur Verfügung. Morgens um sechs Uhr wurden wir aus dem Schlaf geholt mit Musik aus Lautsprechern. Nach der Morgentoilette an den Lavabos im Schlafsaal traten wir im „Museum“, einem grossen Studiersaal, das Studium an. Ein Mönch wachte von einem erhöhten Sitzpult aus über Ordnung und „Silentium“, Ruhe, im Saal.
In der ersten Klasse standen zehn Stunden Latein auf dem Stundenplan. In der dritten Klasse kam Altgriechisch dazu. Die Stiftsschule kannte damals nur den altsprachlichen Maturatypus A. So vertieften wir uns in Wortschatz, Grammatik und die consecutio temporum der antiken Welt von Römern und Griechen. Wir übersetzten die Liebesgeschichten der „Philemon und Baucis“ von Ovid, die Schilderungen des lieblichen Landlebens von Vergil, die Heldentaten des Odysseus von Homer, die Kriegsgeschichten von Caesar und die satirische „Verkürbissung des Kaisers Claudius“ von Seneca und vieles mehr. Obwohl die Lektüre auf schulisches Textverständnis und Satzanalyse zielte, vermittelten uns die Texte auch Stimmung und Geist der lateinischen und griechischen Welt, eine Stimmung, der für mich mit Sehnsucht, Licht, Himmelblau und Lebenslust verbinde. Vielleicht waren diese Gefühle für mich auch ein Ausgleich zum Klima im Einsiedler Hochtal, wo der Winter mit Schnee und Eis bis weit in den Frühling herrschte. Am schwersten fiel mir der Abschied von zu Hause jeweils nach den Frühlingsferien, wenn im Baselbiet die Kirschbäume in voller Blüte standen und in Einsiedeln noch Schneematsch lag.
Ein stoischer Sklave als Weisheitslehrer
Die Verbundenheit mit der antiken Welt war so stark, dass ich in meinen jungen Gymnasialjahren die Ex-Libris-Buchreihe „Antike Autoren“ anschaffte. Besonders angetan hat es mir der Band „Die Kunst vernünftig zu leben – Wege zu sich selbst“ von Epiktet und Marc Aurel. Epiktet war ein freigelassener Sklave und Marc Aurel ein römischer Kaiser. Sie waren Anhänger der Stoa, einer antiken Philosophenschule, die auf eine tugendhafte Lebenspraxis ausgerichtet war und die Tugenden der „ataraxia“ und der „apathia“ lehrte, also die innere Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit. Weswegen mich diese Gedanken ansprachen, weiss ich nicht, aber vermutlich waren sie mir eine Hilfe gegen die Gemütswallungen meiner Jugendjahre. Angesprochen hat mich auch das Weltbild, das hinter der stoischen Philosophie steht. Die Stoa betrachtet die Welt als einen Kosmos, der von einer inneren schöpferischen Kraft beseelt ist, aus der alles, was ist, hervorgeht und besteht.
Die romanische Lebensart wurde uns auch vermittelt von Mönchen, die zuvor in spanisch oder italienisch geprägten Gegenden gewirkt hatten. Einer der Patres brachte vom Einsiedler Tochterkloster Los Toldos in Argentinien spanisch-argentinisch gefärbtes Lebensgefühl ins Haus und ein anderer aus dem Tessin italienische Begeisterungsfähigkeit. Er organisierte in den Sommerferien für Italienerkinder aus den verwahrlosten Rändern von Mailand Sommerlager, „Campeggi“, an denen Studenten der Stiftsschule als Betreuer mitwirkten und jeweils begeistert zurück kehrten.
Kapitel 5
Ora et labora und eine Todesahnung
Eigenartigerweise habe ich kaum mehr Erinnerungen an den Religionsunterricht an der Stiftsschule. An einer Klosterschule würde man eigentlich die Thematisierung von Glaubensfragen erwarten. Doch die katholische Welt war so tief ins Klosterleben eingewoben und allgegenwärtig, dass sie nicht eigens thematisiert werden musste. Religion war nicht primär Dogma, sondern fleischgewordene Wirklichkeit in Stimmung, Ton, Geruch. Auf Schritt und Tritt war der katholische Glaube unausgesprochen erlebbar, in der barocken Architektur, den endlosen Klostergängen mit den Bildern an den Wänden, im Tagesrhythmus des klösterlichen Lebens mit seinen Ritualen, liturgischen Veranstaltungen und seiner gepflegten Musikkultur.
In Paradiso an der Mönchsgruft
Die Klausur, den geschlossene Bereich, wo die Mönche lebten, durften wir nur ausnahmsweise betreten, für die Besprechung einer schulischen Frage zum Beispiel. Aber wir lebten unter einem Dach mit den Mönchen und erlebten ihren Mönchsalltag, der von Arbeit und Gebet geprägt war nach dem Grundsatz von Sankt Benedikt „ora et labora“. Die meisten Mönche waren geerdete Männer, keine versponnenen Scholastiker. Wir sahen sie beim Breviergebet durch den Klostergarten tigern und feierten ihre Rituale mit. In der Karwoche konnten wir ihren Klagegesängen, den „Lamentationes“, lauschen, und wenn ein Mönch gestorben war, nahmen wir an seinem Begräbnis teil und freuten uns, dass die Schule ausfiel. Eindrücklich war der Abschied von einem Mitbruder, wenn die Mönchsgemeinschaft im Kreis um den offenen Sarg den Gesang „In paradiso“ anstimmte, und schauerlich war das Quietschen, wenn der Sarg auf einem Brett in die Gruft glitt.
Eine verstörende Nachricht
Die Stiftsschüler stammten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, vor dem Herrgott aber und den schulischen Anforderungen waren alle gleich. Ich mochte gut mithalten in der Schule und machte gute Noten. Nur einmal misslang mir eine Griechischprüfung massiv. Es war der Tag, an dem mich der Präfekt zu sich rief und mir mitteilte, dass meine Schwester Liselotte gestorben sei an einem Asthmaanfall. Das war sehr schlimm für mich. Ich war damals vierzehn. Im Nachhinein sah der Griechischpater eine Erklärung für die schlechte Prüfungsnote darin, dass ich unbewusst etwas geahnt haben könnte vom Tod. Solche Vorahnungen kämen vor bei sensiblen Menschen. Ich finde mich nicht besonders sensibel. Jahrzehnte später hatte ich aber doch ein anderes erstaunliches Erlebnis. Eines Morgens wachte ich auf mit einem Auge, das gänzlich mit Blut unterlaufen war. Noch nie hatte ich Ähnliches erlebt und konnte keine Ursache dafür finden. Bei einem Besuch im Altersheim kurz darauf erzählte mir meine Mutter beiläufig, dass sie in jener Nacht aus dem Bett gefallen sei und am Kopf geblutet habe.
Die 68er Unruhen und die Zvieri-Demokratie
Zu meiner Zeit an der Stiftsschule gingen in der Welt ausserhalb des Klosters die Wogen hoch mit den Unruhen der 68er Jahre. An den Klostermauern prallten sie weitgehend ab. Es gab einige Klassen, wo sich rebellische Unruhe regte. Auch Anflüge von Bemühungen um basisdemokratische Mitbestimmung waren bei den Mönchen auszumachen. Sie liessen uns wählen, ob wir zum Zvieri lieber Joghurt oder Kägifret hätten. Sonst aber blieb es ruhig hinter den Klostermauern.
Doch der Aufbruch in eine neue Zeit war auch hier nicht mehr aufzuhalten. So beschlossen die Mönche, die acht Gymnsialjahre auf sieben zu verkürzen und den Maturtyp B mit Englisch wurde einzuführen. Die Haare der Klosterschüler wurden länger, und auch Mädchen waren nun auch an der Stiftsschule zugelassen. Schon einige Jahr zuvor war die Soutane für die Studenten abgeschafft worden.
Auch in der Klostergemeinschaft gärte der neue Zeitgeist, was sich darin zeigte, dass gelegentlich Mönche fehlten, wenn wir aus den Sommerferien zurückkehrten. Sie hatten das Kloster verlassen. Sogar der Abt war verschwunden, als wir eines Tages nach den Sommerferien zurück kehrten.
Das letzte Halleluja
Im Sommer 1973 machte ich die Matura. An einem Freitag ging die siebenjährige Zeit an der Stiftsschule ganz prosaisch zu Ende, und am Montag rückte ich in die Rekrutenschule ein.
Normalerweise wurde das Ende des Schuljahres jeweils mit einem langen Umzug durch Einsiedeln begangen, an dem alle Studenten hinter der Studentenmusik her marschierten und das Lied „Ah, ah, ah, valete studia“ schmetterten. Das war für mich immer der Moment einer grossen Befreiung vom Druck der Schule und der Vorfreude auf die grossen Ferien. Das gleiche Gefühl erlebte ich jeweils am Ostersonntag, wenn bei der Tagwache das „Halleluja“ von Händel aus den Lautsprechern erklang, und die Frühlingsferien begannen.




























































