Blick auf die Fraubrik und eine Glace nach der Messe

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Ich bin 1953 auf dem Kanapee eines Arbeiterhauses an der Hauptstrasse in Grellingen im Laufental zur Welt gekommen. Mein Vater war Werkmeister in der Schappe, einer Fabrik zur Seidenverarbeitung, wo auch meine Mutter früher gearbeitet hatte. Das halbe Dorf Grellingen war bei der Schappe beschäftigt. Für mich war die Fabrik die „Fraubrik“, weil ich beim Schichtwechsel immer Scharen von Frauen durch die Fabrikpforte strömen sah. Ich hatte eine zwei Jahre ältere Schwester, Liselotte, und einen Bruder, Konrad, der schon früh verstorben war. An Heiligabend ging der Vater mit uns sein Grab auf dem Friedhof besuchen, während das Christkind daheim den Weihnachtsbaum schmückte und die Geschenke darunter legte. Im Advent hatten wir ein Brieflein mit unseren Wünschen vors Fenster gelegt und gespannt gewartet, bis es vom Christkind abgeholt wurde.

Das Laufental gehört seit alters zum Bistum Basel und war geprägt vom katholischen Glauben mit seinen Bräuchen und Riten. Gütige Ordensschwestern mit geschwungenen Hauben betreuten den Kindergarten, und meine Primarlehrerin ging später in die Missionen. Am Sonntag gehörte der Besuch der Heiligen Messe zum festen Programm. In adretten Sonntagskleidchen schritten wir mit unserer Mutter auf der Hauptstrasse ohne Trottoir zur Pfarrkirche am anderen Dorfende. Wenn ich brav war und nicht vor Langeweile auf der Kirchenbank herumturnte, gab es beim Bäcker Jakob nach der Messe eine Glace.

Die verwachsene Glaubenswelt

Für die meisten Leute war der Glaube damals das Selbstverständlichste der Welt. Auch meine Mutter praktizierte ihn gewissenhaft ohne Frömmelei. Nur einmal habe ich erlebt, wie sie sich mit Tante Olgi, eine ihrer zahlreichen Schwestern und stramme Katholikin, heftig über irgendein Glaubensdetail stritt. Sonst aber war der Glaube da als stumme Gewissheit, eingewoben in das Leben, Denken und Fühlen der Menschen. Er war das, was der Philosoph Karl Jaspers beschreibt als eine Lebenswelt, die mit der Seele „verwachsen“ ist. Diese „erlebte, mit der Seele verwachsene Welt“, sei, schreibt Jaspers, „nicht formuliert und gegenständlich gewusst“, jedoch „eminent wirksam“ „als ‚Lebenswissen’, als Können, als Gefühl und Wertung“. 1

Mit dem Velo nach Mariastein

Mein Vater besuchte die Messe lieber im Kloster Mariastein, wohin er mit dem Velo fuhr und mich manchmal auf dem Kindersitz mitnahm. Er war kein eingefleischter Katholik und neigte eher dem Freisinn als den Katholisch-Konservativen zu, wie mir später meine Mutter sagte. Aber von der Macht und Pracht der katholischen Kirche war auch er angetan. Als Papst Pius XII. starb, kaufte er für damals teures Geld die Illustrierte „Paris Match“, die in epischer Breite mit Bild und Text über den Papst und sein Begräbnis berichtete.

Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Vater an einem Leberleiden. Während er daheim in der Stube aufgebahrt wurde, schickte mich die Verwandtschaft zur Ablenkung ins Dorf, um beim Metzger etwas einzukaufen. Dieser wollte von mir wissen, ob mein Vater gestorben sei, wie es sich im Dorf herum gesprochen hatte. Ich wusste von nichts, und er reichte mir ein Rädchen Wurst.

Fortan musste meine Mutter für die Familie sorgen. Sie ging wieder in der Schappe arbeiten. Während sie das Haus frühmorgens zur Arbeit verliess, machten wir Kinder uns selbständig auf zur Schule, den eisernen Hausschlüssel um den Hals gebunden.

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