Die Hühner der Frau Hofer und die Freude am Altar

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Anfang der sechziger Jahre wechselte die Mutter in das Schappe-Werk Angenstein bei Aesch im Baselbiet, und wir zogen nach Aesch in eine Arbeitersiedlung der Schappe beim Bahnhof.

Die Wohnung war klein und ohne Komfort. Es gab kein Warmwasser, gebadet wurde in der Waschküche und geheizt mit Holz und Kohle. Zum Telefonieren gingen wir in die Telefonkabine am Bahnhof. Unterhaltung und Nachrichten bot uns das Radio. Ich mag mich noch an die Nachricht eines frühen Morgens erinnern, dass Präsident Kennedy erschossen worden sei. Der einzige Fernseher weit und breit stand bei unserem Nachbarn mit dem gelähmten Bein. Hier durften wir «Fury», «Lassy», «Ivanhoe», «Am Fuss der Blauen Berge» oder «Es darf gelacht werden» schauen, bis die Herrlichkeit vorbei war, weil das Bild zu flimmern und zu laufen begann.

Meine Mutter war eine lebensfrohe, eigenständige und zupackende Frau. Bald nach dem Einzug hatte sie unsere Arbeiterwohnung mit Durchlauferhitzer, Ölofen und Kühlschrank aufgerüstet und auch Geld gespart für Ferien in Cesenatico an der Adria und später in Minori an der Amalfiküste, wo wir bei einer Italienerfamilie eingeladen waren.

Spriessende Tulpen und italienisches Flair

Trotz seiner Bescheidenheit war für uns Kinder der Wohnort an der Industriestrasse ein kleines Paradies. Hier konnten wir nach Herzenslust im Freien spielen, der Birs entlang Streifzüge unternehmen, uns am Bahnhof herumtreiben oder in den nahen Wald eintauchen. Im Garten sahen wir die Beeren reifen, das Gemüse wachsen und Tulpen und Gladiolen aus der Erde spriessen. Zur Sommerzeit entfaltete sich die Vegetation am Flussufer mit Wucht, und ich kam mir vor wie ein Naturforscher, wenn ich Expeditionen durch das Dickicht unternahm. In einem frühen Schulaufsatz habe ich auch die Hühner der Frau Hofer verewigt.

Viele Nachbarn in der Arbeitersiedlung waren Gastarbeiter aus Italien. Wir gingen ein und aus in ihren Wohnungen, rochen den Duft ihrer köchelnden Fleischsaucen und besuchten am Samstagabend mit ihnen das „Ritrovo“, wo sie sich zu Geselligkeit trafen und Filme aus der Heimat schauten. Amüsant fanden wir die Namen unserer Hausbewohner nebenan: Oben wohnte eine Familie Pollo und unten eine Familie Pulcini, also eine Familie Huhn und eine Familie Küken.

Der liebe Gott und der freche Philosoph

In der Schule war der Religionsunterricht fest im Stundenplan verankert. Als Erstklässler durften wir auf Bibelillustrationen den lieben Gott ausmalen, wie er im Zorn Adam und Eva aus dem Paradies jagte. Später verwandelten sich die heilgeschichtlichen Illustrationen zu unserer Enttäuschung in langweilige Symbolzeichnungen. Auf der Oberstufe erzählte uns der Vikar einst von einem frechen Philosophen, der behauptet habe, Gott sei tot, und er ersetzte den Satz „Gott ist tot“ an der Wandtafel triumphierend mit „Nietzsche ist tot“.

Am Samstag war der Gang zur Beichte lästige Pflicht. Wir flüsterten unsere Sünden im Beichtstuhl ins Ohr des Beichtvaters, und hofften, dass er bei heiklen Punkten nicht nachhakte. Nach der Absolution beteten wir im Hochgefühl der Sündenbefreiung die Vaterunser, die uns als Busse aufgebrummt wurden.

Zum Altare Gottes will ich treten

Nach der Erstkommunion wurde ich für würdig befunden, in den Kreis der Ministranten aufgenommen zu werden. Mit dem Oberministranten Franz lernte ich lateinische Messtexte auswendig, das Stufengebet „Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam – Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut“, das Confiteor, das Credo und andere Gebete. Was ich betete, wusste ich nicht. Wenn mir während der Messe der Text entfiel, überbrückte ich die Lücke mit Gemurmel bis ich wieder festen lateinischen Boden unter den Füssen hatte.

Den katholische Kosmos mit seinen Riten und Traditionen erlebte ich in meiner Kindheit noch als wirkmächtig und intakt. Doch am Horizont kündigten sich einschneidende Veränderungen an. Ich erinnere mich an unseren Pfarrer, einen hochgewachsenen, strengen und hochwürdigen Herrn, der meist sehr ernst auftrat. Aber auch er konnte seine Begeisterung nicht verbergen, als er von einem Ereignis sprach, das demnächst in Rom stattfinde und ungemein wichtig sei. Gemeint war das Zweite Vatikanische Konzil.

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