Barocke Pracht und antike Heiterkeit

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Ende 1966 musste alles ganz schnell gehen. Pfarrer und Lehrer hatten mich für den Priesterberuf vorgesehen. Ob ich selber je diesen Berufswunsch geäussert habe, weiss ich nicht mehr. Der Priesterberuf war im katholischen Milieu damals hoch angesehen. Für manche Buben galt er als Wunschberuf wie jener des Lokführers oder des Missionars, der in fernen Ländern Abenteuer erlebte. Ausersehen wurde ich wohl, weil ich dem damaligen „Beuteschema“ für kirchlichen Nachwuchs entsprach.

Ich war ein fröhlicher Bub, ein guter Schüler und arglos wie die Tauben. Ein Kamerad erzählte mir auf dem Schulweg einmal von einem Mädchen, das ungewollt ein Kind erwartete. Altklug bemerkte er, das wundere ihn nicht, da es ja gerne die Nähe zur Männerwelt suche. Ich sah da keinen Zusammenhang.

Ich war wissbegierig und las viel. Die „Schweizer Jugend“ gehörte zur wöchentlichen Lektüre. Um die Lektüre von „Alibaba und die vierzig Räuber“ – oder war es der „Lederstrumpf“ oder „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ – nicht unterbrechen zu müssen, liess ich mich einmal sogar krank melden.

Schwarze Socken und eine Soutane

Der Weg zum Priesterberuf folgte damals einem typischen Muster. War jemand zum Priester ausersehen, wurde er an ein katholisches Gymnasium geschickt. Zu den renommiertesten Kollegien zählten die Klosterschulen von Einsiedeln, Engelberg oder Disentis. Mein Pfarrer fragte in Einsiedeln nach, und das Glück oder der Zufall – oder die göttliche Vorsehung? – wollten es, dass an der Stiftsschule Einsiedeln kurzfristig ein Platz frei geworden war. Eilig strickten meine Tanten stapelweise schwarze Socken, und die Mutter versah meine Kleider mit der Nummer 139.

An einem eisig kalten Wintertag anfangs Januar 1967 trafen wir mit dem Zug in Einsiedeln ein, wo mich meine Mutter an der Klosterschule beim Präfekten abgab.

So wurde ich als Zwölfjähriger aus dem bescheidenen Arbeitermilieu in den imposanten katholischen Kosmos des Klosters Einsiedeln verpflanzt. Ich war nun einer von über dreihundert Internatsschülern an der Stiftsschule. Wir steckten alle in einer schwarzen Soutane, umgürtet mit einem Cingulum, was uns wie kleine Pfarrer aussehen liess, und auch die Gleichheit unter den „Studenten“ betonte. Wir Stiftsschüler wurden „Studenten“ genannt. Mädchen gab es damals noch keine an der Schule. Manche „Studenten“ stammten aus wohlhabenden Familien. Das Kloster sah aber seine Aufgabe darin, auch Kinder aus weniger betuchten Familien zu fördern, weil das dem christlichen Auftrag entsprach und der priesterlichen Nachwuchsrekrutierung förderlich war.

Zehn Stunden Latein und die Sehnsucht nach dem Süden

Sieben Jahre verbrachte ich in der barocken Pracht der Einsiedler Benediktiner, die damals noch eine stattliche Gemeinschaft bildeten. Unsere Lehrer waren alle Mönche bis auf den Biologie- und den Turnlehrer. Angeredet wurden sie in alter kirchenfürstlicher Manier nicht mit Pater, sondern mit „Herr“. Für uns Studenten waren es „die Schwarzen“, für die wir alle Spitznamen hatten.

Untergebracht waren wir Klosterschüler der unteren Klassen in grossen Schlafsälen mit zehn bis dreissig Betten unter dem Klosterdach. In den oberen Klassen und im „Lyceum“ standen uns kleine Zellen, „Buden“, zur Verfügung. Morgens um sechs Uhr wurden wir aus dem Schlaf geholt mit Musik aus Lautsprechern. Nach der Morgentoilette an den Lavabos im Schlafsaal traten wir im „Museum“, einem grossen Studiersaal, das Studium an. Ein Mönch wachte von einem erhöhten Sitzpult aus über Ordnung und „Silentium“, Ruhe, im Saal.

In der ersten Klasse standen zehn Stunden Latein auf dem Stundenplan. In der dritten Klasse kam Altgriechisch dazu. Die Stiftsschule kannte damals nur den altsprachlichen Maturatypus A. So vertieften wir uns in Wortschatz, Grammatik und die consecutio temporum der antiken Welt von Römern und Griechen. Wir übersetzten die Liebesgeschichten der „Philemon und Baucis“ von Ovid, die Schilderungen des lieblichen Landlebens von Vergil, die Heldentaten des Odysseus von Homer, die Kriegsgeschichten von Caesar und die satirische „Verkürbissung des Kaisers Claudius“ von Seneca und vieles mehr. Obwohl die Lektüre auf schulisches Textverständnis und Satzanalyse zielte, vermittelten uns die Texte auch Stimmung und Geist der lateinischen und griechischen Welt, eine Stimmung, der für mich mit Sehnsucht, Licht, Himmelblau und Lebenslust verbinde. Vielleicht waren diese Gefühle für mich auch ein Ausgleich zum Klima im Einsiedler Hochtal, wo der Winter mit Schnee und Eis bis weit in den Frühling herrschte. Am schwersten fiel mir der Abschied von zu Hause jeweils nach den Frühlingsferien, wenn im Baselbiet die Kirschbäume in voller Blüte standen und in Einsiedeln noch Schneematsch lag.

Ein stoischer Sklave als Weisheitslehrer

Die Verbundenheit mit der antiken Welt war so stark, dass ich in meinen jungen Gymnasialjahren die Ex-Libris-Buchreihe „Antike Autoren“ anschaffte. Besonders angetan hat es mir der Band „Die Kunst vernünftig zu leben – Wege zu sich selbst“ von Epiktet und Marc Aurel. Epiktet war ein freigelassener Sklave und Marc Aurel ein römischer Kaiser. Sie waren Anhänger der Stoa, einer antiken Philosophenschule, die auf eine tugendhafte Lebenspraxis ausgerichtet war und die Tugenden der „ataraxia“ und der „apathia“ lehrte, also die innere Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit.[mfn]Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen. So ist der Tod an und für sich nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so vorgekommen; vielmehr ist die vorgefaßte Meinung von ihm, daß er etwas Schreckliches sei, das Schreckhafte. Wir wollen daher, wenn wir von etwas gehindert, beunruhigt oder betrübt werden, niemals andere anklagen, sondern uns selber, nämlich unsere Meinung davon. Seines Unglücks wegen andere anklagen, ist die Art der Ungebildeten, sich selbst, die der Anfänger, noch sich, die der gebildeten und vollständig erzogenen.[/mfn] Weswegen mich diese Gedanken ansprachen, weiss ich nicht, aber vermutlich waren sie mir eine Hilfe gegen die Gemütswallungen meiner Jugendjahre. Angesprochen hat mich auch das Weltbild, das hinter der stoischen Philosophie steht. Die Stoa betrachtet die Welt als einen Kosmos, der von einer inneren schöpferischen Kraft beseelt ist, aus der alles, was ist, hervorgeht und besteht.

Die romanische Lebensart wurde uns auch vermittelt von Mönchen, die zuvor in spanisch oder italienisch geprägten Gegenden gewirkt hatten. Einer der Patres brachte vom Einsiedler Tochterkloster Los Toldos in Argentinien spanisch-argentinisch gefärbtes Lebensgefühl ins Haus und ein anderer aus dem Tessin italienische Begeisterungsfähigkeit. Er organisierte in den Sommerferien für Italienerkinder aus den verwahrlosten Rändern von Mailand Sommerlager, „Campeggi“, an denen Studenten der Stiftsschule als Betreuer mitwirkten und jeweils begeistert zurück kehrten.

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