Ora et labora und eine Todesahnung

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Eigenartigerweise habe ich kaum mehr Erinnerungen an den Religionsunterricht an der Stiftsschule. An einer Klosterschule würde man eigentlich die Thematisierung von Glaubensfragen erwarten. Doch die katholische Welt war so tief ins Klosterleben eingewoben und allgegenwärtig, dass sie nicht eigens thematisiert werden musste. Religion war nicht primär Dogma, sondern fleischgewordene Wirklichkeit in Stimmung, Ton, Geruch. Auf Schritt und Tritt war der katholische Glaube unausgesprochen erlebbar, in der barocken Architektur, den endlosen Klostergängen mit den Bildern an den Wänden, im Tagesrhythmus des klösterlichen Lebens mit seinen Ritualen, liturgischen Veranstaltungen und seiner gepflegten Musikkultur.

In Paradiso an der Mönchsgruft

Die Klausur, den geschlossene Bereich, wo die Mönche lebten, durften wir nur ausnahmsweise betreten, für die Besprechung einer schulischen Frage zum Beispiel. Aber wir lebten unter einem Dach mit den Mönchen und erlebten ihren Mönchsalltag, der von Arbeit und Gebet geprägt war nach dem Grundsatz von Sankt Benedikt „ora et labora“. Die meisten Mönche waren geerdete Männer, keine versponnenen Scholastiker. Wir sahen sie beim Breviergebet durch den Klostergarten tigern und feierten ihre Rituale mit. In der Karwoche konnten wir ihren Klagegesängen, den „Lamentationes“, lauschen, und wenn ein Mönch gestorben war, nahmen wir an seinem Begräbnis teil und freuten uns, dass die Schule ausfiel. Eindrücklich war der Abschied von einem Mitbruder, wenn die Mönchsgemeinschaft im Kreis um den offenen Sarg den Gesang „In paradiso“ anstimmte, und schauerlich war das Quietschen, wenn der Sarg auf einem Brett in die Gruft glitt.

Eine verstörende Nachricht

Die Stiftsschüler stammten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, vor dem Herrgott aber und den schulischen Anforderungen waren alle gleich. Ich mochte gut mithalten in der Schule und machte gute Noten. Nur einmal misslang mir eine Griechischprüfung massiv. Es war der Tag, an dem mich der Präfekt zu sich rief und mir mitteilte, dass meine Schwester Liselotte gestorben sei an einem Asthmaanfall. Das war sehr schlimm für mich. Ich war damals vierzehn. Im Nachhinein sah der Griechischpater eine Erklärung für die schlechte Prüfungsnote darin, dass ich unbewusst etwas geahnt haben könnte vom Tod. Solche Vorahnungen kämen vor bei sensiblen Menschen. Ich finde mich nicht besonders sensibel. Jahrzehnte später hatte ich aber doch ein anderes erstaunliches Erlebnis. Eines Morgens wachte ich auf mit einem Auge, das gänzlich mit Blut unterlaufen war. Noch nie hatte ich Ähnliches erlebt und konnte keine Ursache dafür finden. Bei einem Besuch im Altersheim kurz darauf erzählte mir meine Mutter beiläufig, dass sie in jener Nacht aus dem Bett gefallen sei und am Kopf geblutet habe.

Die 68er Unruhen und die Zvieri-Demokratie

Zu meiner Zeit an der Stiftsschule gingen in der Welt ausserhalb des Klosters die Wogen hoch mit den Unruhen der 68er Jahre. An den Klostermauern prallten sie weitgehend ab. Es gab einige Klassen, wo sich rebellische Unruhe regte. Auch Anflüge von Bemühungen um basisdemokratische Mitbestimmung waren bei den Mönchen auszumachen. Sie liessen uns wählen, ob wir zum Zvieri lieber Joghurt oder Kägifret hätten. Sonst aber blieb es ruhig hinter den Klostermauern.

Doch der Aufbruch in eine neue Zeit war auch hier nicht mehr aufzuhalten. So beschlossen die Mönche, die acht Gymnsialjahre auf sieben zu verkürzen und den Maturtyp B mit Englisch wurde einzuführen. Die Haare der Klosterschüler wurden länger, und auch Mädchen waren nun auch an der Stiftsschule zugelassen. Schon einige Jahr zuvor war die Soutane für die Studenten abgeschafft worden.

Auch in der Klostergemeinschaft gärte der neue Zeitgeist, was sich darin zeigte, dass gelegentlich Mönche fehlten, wenn wir aus den Sommerferien zurückkehrten. Sie hatten das Kloster verlassen. Sogar der Abt war verschwunden, als wir eines Tages nach den Sommerferien zurück kehrten.

Das letzte Halleluja

Im Sommer 1973 machte ich die Matura. An einem Freitag ging die siebenjährige Zeit an der Stiftsschule ganz prosaisch zu Ende, und am Montag rückte ich in die Rekrutenschule ein.

Normalerweise wurde das Ende des Schuljahres jeweils mit einem langen Umzug durch Einsiedeln begangen, an dem alle Studenten hinter der Studentenmusik her marschierten und das Lied „Ah, ah, ah, valete studia“ schmetterten. Das war für mich immer der Moment einer grossen Befreiung vom Druck der Schule und der Vorfreude auf die grossen Ferien. Das gleiche Gefühl erlebte ich jeweils am Ostersonntag, wenn bei der Tagwache das „Halleluja“ von Händel aus den Lautsprechern erklang, und die Frühlingsferien begannen.

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