Vom katholischen zum kirchlichen Kosmos

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Nach der Matura liess ich mir Zeit, bis ich das Theologiestudium begann. Vielleicht war ich noch nicht ganz oder nicht mehr ganz überzeugt vom Berufsweg, dessen erste Etappe die Stiftsschule Einsiedeln war. Auf der Maturabroschüre gab ich als Studienfach „Phil. I.“, nicht „Theologie“ an. Aber einen Berufswechsel habe ich nicht in Betracht gezogen. Das Berufsziel Priester hatte ich tief verinnerlicht, und ich wollte weder mir selbst untreu werden noch mein soziales Umfeld enttäuschen.

So legte ich nach der Rekrutenschule ein Zwischenjahr ein. Bei einem Discounter füllte ich Weine und Spirituosen auf und ging für drei Monate nach Exeter in England an eine Sprachschule, um mein Englisch aufzubessern.

In der Zeit beim Discounter zog ich mich in der Mittagspause jeweils in die Stille einer Betonkirche zurück und lauschte im Halbdunkel dem Glucksen von Wassertropfen in einem kleinen Brunnen. So versuchte ich mich in Andacht zu versenken und dem Mysterium zu nähern, wie sich das für einen künftigen Gottesmann gehörte, wie ich glaubte.

Pflanzstätten für Priesterkandidaten

Dann meldete ich mich beim Priesterseminar des Bistums Basel in Luzern an, stellte mich beim Regens vor und brachte die geforderte ärztliche Bestätigung bei, dass ich gesund und normal sei, was der Fall war.

Priesterseminare sind Ausbildungsstätten für angehende Kleriker. Angeordnet wurden sie vom Konzil von Trient zur Zeit der Gegenreformation. Es brauchte ein besser gebildetes und diszipliniertes Kirchenpersonal, um gegen die Herausforderungen der Reformation bestehen zu können. In vorreformatorischen Zeiten gingen Priesteranwärter oft einfach bei einem erfahrenen Priester in die Lehre, um das heilige Handwerk zu erlernen. Richtig durchgesetzt haben sich die priesterlichen „Pflanzstätten“ aber erst im 19. Jahrhundert. Priesterseminare sind geschlossene Anstalten, die auch baulich häufig als solche zu erkennen waren und gelegentlich als „Kasten“ bezeichnet wurden. Unter der Leitung eines Regens und Spirituals wuchsen die Priesteramtskandidaten hier in ihren späteren Beruf hinein. Jedes Bistum unterhielt sein eigenes Priesterseminar.

Grundlage für die intellektuelle Ausbildung des Priesternachwuchses war ab dem 19. Jahrhundert auf Anordnung von Papst Leo XIII. die neuthomistische Scholastik, eine reanimierte Philosophie des mittelalterlichen Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Thomas war seinerzeit bestrebt Vernunft und Glauben zusammenzubringen. Mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft versuchte er Gottes Existenz zu erkennen und die Sinnhaftigkeit der göttlichen Offenbarung vernunftmässig zu untermauern. Die Philosophie spielte dabei die Rolle einer Zudienerin der Theologie, einer „ancilla theologiae“.

Gemeinschaft rund um die Uhr

Als ich 1974 ins Seminar eintrat, war von diesem scholastischen Geist nichts mehr zu spüren. Das Aggiornamento des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte ihn weggeweht. Auch das Priesterseminar St. Beat in Luzern hatte sich in der Aufbruchstimmung nach dem Konzil neu erfunden. Als Neubau aus Beton stand es versteckt hinter der Luzerner Hofkirche und markierte schon architektonisch, dass die Kirche in ein neues Zeitalter aufgebrochen war. Die Architektur erinnert an das Dominikanerkloster Sainte-Marie de la Tourette in Éveux bei Lyon von Le Corbusier.

Auch die Ausbildungsphilosophie des Seminars gestaltete sich nach neuzeitlichen Vorstellungen. Sie war strikt auf die spätere Zusammenarbeit der Seelsorger im Team ausgerichtet. Das Seminar war in Wohngruppen aufgeteilt, wo die angehenden Priester als kleine Gemeinschaften lebten und Berufungen gedeihen sollten. Alles geschah im Seminar gemeinschaftlich. Gemeinsam wohnten die Studenten, gemeinsam beteten sie, gemeinsam assen sie, gemeinsam verbrachten sie die Freizeit, gemeinsam marschierten sie zur Theologischen Fakultät hinter der Jesuitenkirche und gemeinsam kehrten sie wieder ins Seminar zurück. Denken, Fühlen, Handeln – alles war ausgerichtet auf Kirche und Theologie und die Auseinandersetzung mit Kirchenthemen, die damals durchaus auch sehr kritisch ausfallen konnten.

Die Tugendhaften und die Umgänglichen

Das wurde mir bald zu eng, und ich fühlte mich im Umfeld des Seminars zunehmend unbehaglich. Die katholische Lebenswelt hatte ich bisher nicht in dieser Einengung auf die Institution Kirche erlebt, auch nicht in Einsiedeln. Der katholische Kosmos war auf den kirchlichen Kosmos zusammengeschrumpft. Ich verstand mich aber nicht als fromme Kirchenmaus, die die Welt nur aus kirchlicher Perspektive sah. Ein Freund von mir, der anderswo Theologie studierte, schwärmte mir eines Tages in einem Brief von seinem Lieblingsevangelium vor und fragte mich nach meiner Evangelistenpräferenz. Ich hatte keine, ärgerte mich aber über seine Frage, weil sie mich in eine Ecke zu drängen schien, wo ich nicht hingehören wollte. Ich fand auch das Verfahren meines theologischen Umfeldes sehr umständlich, jede aktuelle Zeitfrage zuerst in die antike biblische Welt zu projizieren, um sie danach wieder zurück zu spiegeln mit Antworten, die auch ohne diesen Umweg möglich gewesen wären.

In der Autobiografie von Carl Gustav Jung fand ich später eine Stelle, wo der Pfarrerssohn ähnliche Eindrücke schilderte, wie ich sie hatte. Für ihn waren die „Weltlichen“ im Vergleich zur Gemeinschaft der Kirchlichen zwar „weniger tugendhaft, dafür aber viel nettere Leute mit natürlichen Gefühlen, umgänglicher und fröhlicher …“.

Militärischer Seitensprung

Ein natürlicheres, wenn auch weniger tugendhaftes Milieu konnte ich jeweils erleben, wenn ich in den Militärdienst einrückte. Ich absolvierte den Dienst bei den Rettungstruppen, damals noch Luftschutztruppen, wo mich ein eigendynamisches Aufstiegsstreben bis zum Grad eines Oberleutnants führte und ich durch die Führungsaufgaben vertiefte Menschenkenntnisse gewinnen konnte. Für einen Theologiestudenten war das ungewöhnlich und sorgte bei Kollegen für Irritation. Für sie war militärische Gewalt mit christlicher Friedensliebe unvereinbar. Meine Einschätzung der Menschennatur war in diesem Punkt weniger idealistisch.

Am Berufsziel Priester begann ich immer mehr zu zweifeln. Ich fragte mich nach dessen Sinn in unserer Zeit. Auf der Suche fand ich eine Zeitlang Gefallen an Ideen von neomarxistischen Autoren wie Milan Machovec in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ oder Konrad Farner. Meine wenigen Bücher ordnete ich im Büchergestell streng abgestuft nach Höhe ein, vielleicht um meine innere Unsicherheit durch eine äussere Ordnung zu stabilisieren.

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