Sinnieren am See und die anthropologische Wende

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Nach einem Jahr verliess ich das Priesterseminar. Damals war das ein unüblicher Schritt. Ich zog in ein winziges Zimmer im Keller eines Mehrfamilienhauses hinter dem Pulverturm der Luzerner Stadtmauer.

Zu Mittag verpflegte ich mich in einem Coop- oder Migros-Restaurant, häufig mit Quiche Lorraine mangels kostengünstiger Alternativen. Abends unternahm ich häufig ausgedehnte Spaziergänge am Luzerner Seequai entlang. Ich schaute den kreischenden Möwen nach, beobachtete die schwarzen Blässhühnchen, wie sie mit ihren Faltfüssen in die Tiefe strampelten, oder die Enten, die schnatternd ihren Bräuten nachjagten. Das Naturerlebnis, das sich in Luzern so eindrücklich präsentiert, inspirierte mich, über das Leben und den Kosmos zu sinnieren. Vielleicht hätte ich Naturwissenschaften studiert, wäre ich nicht Theologe geworden – oder Gärtner.

Staunen über die Evolution

Leider kamen kosmologische oder naturphilosophische Themen damals im Theologiestudium kaum vor. Ein Theologe, der sich der Verbindung von Naturwissenschaft und Theologie widmete, war der französische Jesuitenpater Teilhard de Chardin, der auch ein anerkannter Evolutionsforscher war. Eine Arbeit im Fach Anthropologie und ein schmales Bändchen des Luzerner Teilhard-Spezialisten Vital Kopp brachte mich Teilhards Naturphilosophie etwas näher. Sie führten mich in die unermesslichen zeitlichen Räume der Evolution und der natürlichen Vielfalt. Eine Postkarte, die Luzern mit Gletschern überzogen und als Sandstrand mit Palmen zeigt, sowie eine Karte mit einer prächtigen Blumenwiese, brachten mich immer wieder zum Staunen über die kosmologische und evolutionäre Entwicklung. Bis heute habe ich die Karten aufbewahrt.

Das Theologiestudium war damals in Luzern noch nach dem herkömmlichen Schema aufgebaut. In den ersten Jahren lag ein Schwerpunkt auf der Philosophie, der „Magd der Theologie“. Für mich war die Magd allerdings bald interessanter als die Herrin. Besonders angetan hat es mir die „Philosophische Anthropologie“. Sie stellt die Frage, was das Wesen und die Stellung des Menschen im Weltganzen ist. Ich ackerte mich damals durch eine kleine Einführung in die philosophische Anthropologie von Michael Landmann und lernte sie halb auswendig. Sogar eine ganze Buchreihe über die philosophische Anthropologie habe ich mir angeschafft. Die Frage, was der Mensch sei und was das Menschsein ausmache, interessierte mich brennend, vermutlich nicht nur aus akademischen, sondern auch persönlichen Gründen: Nicht nur, wer der Mensch sei, sondern wer der Mensch Markus sei. Ich durchforstete die Schriften von Konrad Lorenz nach Antworten auf die Frage, wieweit menschliches Verhalten angeboren und wieweit es kulturell erlernt ist. Der Basler Biologen Adolf Portmann sensibilisierte mein Verständnis des Menschen als eines Wesens, das von Natur aus auf Kultur angelegt ist. Es wird von der Natur halbfertig entlassen in ein „extrauterines Frühjahr“, in dem es in seine kulturelle Natur hineinzuwachsen beginnt.

Selbst Gott steht in Frage

Anthropologische Überlegungen hatten auch in die Theologie Einzug gehalten. Der Professor für Fundamentaltheologie mit einer ausgeprägten Gabe für träfe und bildhafte Vergleiche und einem Gespür für die Fragen der Zeit, brachte uns in seiner Vorlesung eine „anthropologische Theologie“ näher. Als schriftliches Semesterexamen liess er uns seine Überlegungen zusammenfassen. In meiner Arbeit stand: „Keine der alten Weltdeutungen ist dem Menschen heute verbindlich und eine neue allgemein anerkannte gibt es nicht. Selbst dass ein Gott ist, gehört nicht mehr zu den fraglosen Selbstverständlichkeiten. Der Mensch ist sich selbst fragwürdig geworden. Wie nie zuvor forscht er nach seinem eigenen Sinn und Sein, nach seinem eigenen Woher und Wohin.“*

Mit der anthropologischen Wende schien es mir sinnvoll, mich auch in meinem Studium mehr dem Menschen zuzuwenden. Nach zwei Studienjahren in Luzern beschloss ich daher, an die Universität Freiburg zu wechseln und das Theologiestudium um humanwissenschaftliche Disziplinen zu ergänzen.

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