Theologische Floskeln oder Die Nachtigall und die Lerche

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In Freiburg hatte ich das Milieu verlassen, das nur auf Kirche und Theologie ausgerichtet war. Ich studierte jetzt an einer Universität mit dem ganzen Spektrum an Fakultäten, wo auch Kontakte über die Fakultätsgrenzen hinaus möglich waren. Mein Domizil hatte ich im Schönberg bezogen, einem Neubauquartier jenseits der Saane, wo ich jahrelang ein Zimmer mit separatem Eingang bei einer Familie bewohnte.

Das Theologiestudium kombinierte ich mit dem Nebenfach „Pädagogische und Entwicklungspsychologie” an der Fakultät Phil I.. Damit vollzog ich meine anthropologische Wende auch studienmässig. Ich vertiefte mich in erfahrungswissenschaftliche Konzepte der Lerntheorie und die kognitive Entwicklung des Kindes. Dabei lernte ich auch die Theorien von Jean Piaget kennen und seine Forschungen zum Denken und Weltbild des Kindes, das sich in Stufen entwickelt und auch eine animistische Phase kennt.

An der theologischen Fakultät standen in Freiburg damals biblische Fächer hoch im Kurs. Die Professoren, die sie lehrten, waren bei den Studenten beliebt und galten als aufgeschlossen. Mein Interesse an Bibelstudien war indessen begrenzt. Mich interessierten Fragen unserer Zeit mehr als die Verhältnisse im Alten Orient.

Akademische Fingerübungen

Antworten auf diese aktuellen Fragen suchte ich zu finden in den systematischen Fächern wie der Dogmatik und Moraltheologie. Die neuthomistische Schule war in Freiburg bei einzelnen Professoren noch lebendig. Beredt und charmant versuchte uns der Dominikanerpater und Dogmatikprofessor und spätere Kardinal von Wien, Christoph Schönborn, die Gedankengänge seines mittelalterlichen Ordensbruders Thomas von Aquin näher zu bringen. Für ein moraltheologisches Seminar wurde einmal sogar der längst emeritierte Dominikaner Joseph Maria Bochenski reaktiviert, eine Koryphäe des logischen Denkens, für den die ganze Welt nur aus Logik bestand.

Die scholastischen Spekulationen und logischen Überlegungen fand ich als akademische Fingerübungen ganz reizvoll, sah aber oft die Fragen nicht, auf die sie Antworten gaben. Mir schien, die Theologie löse geistreich Probleme, die man ohne sie nicht hat. Umgekehrt fand ich keine Antworten auf die Fragen, die mich beschäftigten.

Abzweigung ins Schwammige

Durch die Beschäftigung mit den humanwissenschaftlichen Disziplinen wurden mir die Unterschiede zur Theologie bewusst. In den empirischen Disziplinen werden Erkenntnisse und Hypothesen allgemein nachvollziehbar begründet. Bei den Theologen beginnt der Erkenntnisweg oft auch bei allgemein menschlichen Erfahrungen, gelangt dann aber schnell an eine Gabelung, wo er sich ins Schwammige verliert oder schon voraussetzt, was er eigentlich allgemein einsichtig begründen sollte. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Unklarheiten und Leerstellen bewusst mit hochtrabenden Formulierungen oder schwer verständlichen theologischen Floskeln verwischt und überspielt, so dass ich an die Fabel von Lessing „Die Nachtigall und die Lerche“ denken musste: „Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des grössten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?“

Klarsicht dank Geschichte

Auf der Suche nach Klarheit ging ich im Studium immer mehr eigene Wege. Ich merkte, dass theologische Sinnzusammenhänge, Begriffe und Konzepte besser zu verstehen sind, wenn man ihre Entstehungsgeschichte kennt. So vertiefte ich mich in religionsgeschichtliche Studien. Ich erinnere mich, wie ich über Ostern einst eine Abhandlung von Albert Schweitzer las, die mir die ursprüngliche Bedeutung des Abendmahles erschloss. Die kleine Schrift „Das Urchristentum“ des protestantischen Theologen Rudolph Bultmann liess mich das Christentum als eine unter vielen antiken Religionen sehen, die zahlreiche Anleihen bei verwandten Kulten und Mysterienreligionen der damaligen Zeit machte, vor allem beim Mithraskult. Ein ganzer Stapel weiterer religionsgeschichtlicher und religionswissenschaftlicher Fachbücher brachte mir Einsichten in die Ideenwelt des christlichen Glaubens, die ich in dieser Klarheit in der Theologie nicht gefunden hatte.

Besonders angetan hatten es mir Schriften von Ernst Troeltsch, auch er ein protestantischer Theologe und Kulturphilosoph. Wochenlang ackerte ich mich durch seinen dicken Wälzer „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“ und verschlang seine Schrift „Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte“.

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