Die Entzauberung der Welt und der Flug mit dem Gleitschirm

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Schon lange vor den Geschichtswissenschaften ist der christliche Glaube von den Naturwissenschaften relativiert und in Frage gestellt worden. Das Thema Natur hat mich immer interessiert. Gerne hätte ich im Studium mehr erfahren über die Beziehung zwischen Theologie und Naturwissenschaften, fand zu diesem Thema aber damals bis auf die Überlegungen des Jesuitenpaters und Evolutionsforscher Teilhard de Chardin wenig.

Mit Vernunft zu Gott

Vielleicht habe ich auch nur am falschen Ort gesucht, nämlich unter dem Stichwort „natürliche Theologie“. Denn die natürliche Theologie versteht unter Natur nicht die Natur der Naturwissenschaften, sondern die menschliche Vernunft. Sie geht davon aus, dass sich die Existenz Gottes und die Offenbarungswahrheiten mit Hilfe der natürlichen menschlichen Vernunft beweisen und begründen liessen. Ein Meister dieses Faches war Thomas von Aquin, der in der hochmittelalterlichen Scholastik auf der Grundlage der Philosophie von Aristoteles die Welt wissenschaftlich erklärte. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden damals auf spekulativem Weg gewonnen. Wissenschaft betreiben hiess die Texte der Autoritäten zu studieren und sie methodisch und logisch zu interpretieren. Der Fortschritt der Wissenschaft bestand im Kommentar oder im Kommentar des Kommentars.

Ockham und die Wende zur Empirie

Im ausgehenden Mittelalter brach das Vertrauen in die natürliche Theologie und deren Erkenntnisoptimismus zusammen. Paradoxerweise waren es theologische Einsichten, die dazu den Anstoss gegeben hatten. So war der Franziskanermönch Wilhelm von Ockham überzeugt, dass Gott unbegreiflich sei und Glauben und Wissen zwei gänzlich getrennte Wahrheitsbereiche seien. Er bestritt auch die Existenz von Wesenheiten in den Allgemeinbegriffen, auf die sich die scholastische Spekulation richtete. Die Allgemeinbegriffe existierten nur im denkenden Geist, es seien nur Worte und Namen, flatus vocis. An die Stelle des Interesses an Allgemeinbegriffen und spekulativ erkennbaren Wesenheiten trat in der Folge das Interesse an den Einzeldingen. Damit vollzog sich die Wende zur Empirie. Einzeldinge erkennt man, indem man sie beobachtet, nicht indem man über sie spekuliert. An die Stelle der Autoritäten trat die Erfahrungswirklichkeit und mit ihr andere Methoden der Wirklichkeitserkenntnis: Beobachtung, Experiment, mathematische Berechnung etc.

Spannende Einsichten in diesen Weg zu den modernen Naturwissenschaften hat mir eine sommerliche Lektüre des Buches „Von Augustinus bis Galilei – Die Emanzipation der Naturwissenschaft“ von Alistair C. Crombie vermittelt.

Die Übernatur wird überflüssig

Die emanzipierte Erforschung der Natur hatte aber den gleichen Effekt wie später die Geschichtswissenschaften: Sie machte übernatürliche Kräfte und Mächte zur Erklärung der physischen Natur überflüssig. Die Natur erscheint als geschlossenes System empirischer Kausalitäten, das übernatürliche Mächte und Kräfte als Erklärungsprinzip überflüssig macht.

Max Weber, ein Gründervater der modernen Soziologie, hat diese Entwicklung als „Entzauberung der Welt“ charakterisiert. Er sieht in den empirischen Wissenschaften nicht bloss die Möglichkeit von mehr Wissen über die Welt, sondern auch einer prinzipiell anderen Denkart: „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge im Prinzip durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“ (Weber: Wissenschaft als Beruf. 594)

Diese Entzauberung entfaltet ihre Wirkung auch bei den Sachverständigen für heiliges Wissen, also bei Theologen und angehenden Priestern, sofern sie ernsthaft mit empirischen Wissenschaften in Berührung kommen. Darin liegt die Ironie: Je intensiver sie sich wissenschaftlich mit dem Glauben befassen, desto mehr verflüchtigt sich der Glaube und bleibt nur noch als Wissen ohne existenzielle Bedeutung übrig. „Die Früchte der Gelehrsamkeit sind nicht dazu angetan, die Glaubensinbrunst anzufachen,“ sagt der Religionssoziologe Peter Berger, dem ich viele Einsichten verdanke. (Häresie 83) Diese Früchte machen aus dem „verwachsenen Glauben“ einen Glauben, der „bloss gewusst“ und nicht mehr „zu eigen gemacht“ ist, wie es Karl Jaspers sagt. (Jaspers Psychologie 146)

Spontanität beflügelt

Als Bild für diese Entwicklung kam mir später immer wieder eine Episode in den Sinn, die ich erlebt habe bei einem Geschäftsevent. Wir wurden in die Kunst des Gleitschirmfliegens eingeführt. Der erste spontane Flug gelang mir wunderbar. Ich hob ab und schwebte über dem Boden. Der Fluglehrer war entsetzt, befahl mir sofort zu landen und instruierte mich genau, wie das geht mit dem Fliegen. Danach gelang mir kein einziger Flug mehr. Ich blieb am Boden.

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