Meine Vertiefung in die christlichen Glaubensvorstellungen aus geschichtlicher Perspektive brachten mir die erstrebte Klarheit über die christliche Ideenwelt. Sie hatten aber Nebenwirkungen, die dem Glauben nicht förderlich waren.
Das Theologiestudium hatte ich begonnen, um meinen ererbten und „verwachsenen“ Glauben auf eine bewusste Ebene zu heben. Als Priester sollte ich ja ein Spezialist und Kundiger dieses Glaubens sein und ihn weitervermitteln und erklären können. Glaubenskompetenz zu erlangen ist der Sinn eines Theologiestudiums. Die „mit der Seele verwachsene Welt, die nicht formuliert und gegenständlich gewusst wird“, sollte sich, um es mit Karl Jaspers zu sagen, verwandeln in eine objektivierte, gewusste Welt, über die man Auskunft geben kann.
Zu Beginn meines Studiums habe ich zu diesem beabsichtigten Entwicklungsprozess die Ausführungen des Professors für Fundamentaltheologie notiert: Die „analytische Desintegrierung des spontanen Glaubensvollzuges“ stehe unter dem Zweck einer „synthetischen Integration des Glaubensvollzuges“ auf höherer Ebene. Die analytische Sezierung soll mit anderen Worten helfen, den Glauben der Kindheit in einen mündigen, bewussten und reifen Erwachsenenglauben zu transformieren und ihn geläutert neu aufleben zu lassen.
So war es gemeint, doch so hat es nicht funktioniert bei mir. Denn meine Studien der Glaubensvorstellungen unter profaner Perspektive führte anstatt zur Festigung des Glaubensfundaments zu dessen fundamentaler Relativierung.
Denn die profane Perspektive auf den Glauben kommt der theologischen Sicht in die Quere. Die Theologie sieht ihren Untersuchungsgegenstand im Lichte letzter Wahrheiten. Sie ist eine normative Wissenschaft, die sich mit Heilswissen befasst. Profane Wissenschaften wie die Geschichtswissenschaft sind dagegen nicht an letzte Wahrheiten gebunden. Sie erforschen ihr Gebiet ohne Rücksicht auf dogmatische Voraussetzungen oder unhinterfragbare Autoritäten. Ihre Erkenntnisse sollen allen mit der Sache Vertrauten einsichtig sein und kein gläubiges Auge voraussetzen.
Wenn sich ein Theologe nun im Bemühen um Klärung der Glaubensvorstellungen bei profanen Wissenschaften wie der Geschichtswissenschaft bedient, schleust er wie ein Trojanisches Pferd nicht nur profanes Wissen ein, sondern zugleich auch die profane Denkweise, eine Denkweise, die den Kern des Glaubens unterminieren kann.
Denn die profane Denkweise kann nirgends übernatürliche Kräfte am Werk erkennen. Sie stösst immer nur auf menschliche Einflüsse. Ein Wirken höherer Mächte ist für sie empirisch nirgends nachweisbar. Die absoluten und zeitlosen Glaubenswahrheiten und göttliche Gnadengeschenke der Theologie werden in ihrem Licht durchschaubar als „Veranstaltung des kulturschaffenden Menschen“ (Löwith Über Weber WaB). In profaner Optik entpuppen sie sich noch in ihrem innersten Kern als Menschenwerk, soziohistorisch verortet und bedingt durch menschlich-allzumenschliche Verflechtungen. Es lässt sich kein Kern herausschälen, der nicht der menschlichen Historie angehört. Das läuft auf eine fundamentale Relativierung des Glaubens hinaus.
Es war wohl diese Erfahrung der Relativierung, die mich damals hellhörig für die Schriften von Ernst Troeltsch gemacht hat. Die historische Methode, stellt er fest, „relativiert alles und jedes“, indem sie sämtliche Teile der Tradition als zeitgeschichtlich bedingt nachweise. Wer ihr „den kleinen Finger gegeben“ habe, müsse „ihr auch die ganze Hand geben“. Troeltsch stellt die Relativierung dem Anspruch auf Absolutheit gegenüber, der jedem naiven Denken eigen ist. Man könnte auch sagen, der das Charakteristikum jedes „verwachsenen Glaubens“ ist. „Die Absolutheit ist ein allgemeines Merkmal des naiven Denkens.“ „… jede überkommene Regel und Sitte gilt dem naiven Menschen als absolut. … Jede religiöse Verehrung betrachtet sich für den Umkreis ihres Bereiches von Hause aus und selbstverständlich als absolut, und jede Universalreligion tut das Gleiche für jeden denkbaren Bereich überhaupt.“ (Troeltsch 734)
Schreibe einen Kommentar