Skeptische Ignoranz und Licht hinter dem Dunkel

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Am Anfang der Philosophie stand das Staunen. Im Staunen sahen Aristoteles und Platon den Ursprung ihrer Disziplin. Staunen stellt sich ein, wenn bisher Selbstverständliches seine Selbstverständlichkeit verliert.

Staunen ist auch der Ursprung der Skepsis. Skepsis entsteht, wenn der Verlust der Selbstverständlichkeiten und die Distanzierung vom Gewohnten zur „Frömmigkeit des Fragens“ führt, und dieses Fragen keine letzten Antworten finden kann.

Mein Weg vom „verwachsenen Glauben“ zum „gewussten“ und „bloss gewussten Glauben“ hat bei mir wohl ein solches Erlebnis ausgelöst. Jedenfalls entwickelte ich ein starkes Interesse an skeptischer Literatur, das mich auch zu Montaigne führte. In den Abhandlungen zur Skepsis bin ich immer wieder auf seinen Namen gestossen.

Die Gewissheit der Ungewissheit

Michel de Montaigne lebte in einer Zeit, als die mittelalterliche Einheit und Selbstverständlichkeit des Christentums auseinander gebrochen war und sich aufgespaltet hat in Lager, die jedes für sich in Anspruch nahm, die absolute Wahrheit zu kennen und zu verteidigen.

Diesem tödlichen Wahrheitsanspruch begegnete Montaigne mit dem Rat zur Skepsis. Wir müssten anerkennen, schreibt er in seinen Essais, wie schwierig es sei, Dinge wirklich zu wissen, und wie gefährlich es sein könne, wenn wir glaubten, mehr zu wissen, als wir tatsächlich wissen. Was wir als unumstössliche Wahrheit und tiefste Überzeugung erlebten, könne ein Trugbild blinder Gewohnheit sein oder nicht hinterfragtem Wunschdenken entspringen.

Die tiefste Weisheit der Skepsis besteht in der Einsicht in die Gewissheit der Ungewissheit. Dem menschlichen Intellekt ist es nicht möglich, mit letzter Klarheit die Sinnhaftigkeit der Welt und der menschlichen Existenz zu ergründen und zu erkennen. Dem Dünkel dogmatischer Gewissheiten setzt der skeptische Geist die „gelehrte Unwissenheit“ entgegen, „docta ignorantia“. Wie Sokrates weiss der skeptische Mensch, dass er nichts weiss. Jedes Sinngefüge wird in skeptischer Perspektive seines Gewissheitscharakters und seines Letztgültigkeitsanspruchs entkleidet.

Die Wolke des Nichtwissens

Diese Gedanken, die ich im Buch von Günther Schnurr „Skeptizismus als theologisches Problem“ breit ausgeführt fand, sprachen mich sehr an. Ich suchte in der Folge weiter nach Anknüpfungspunkten der Skepsis zur Theologie und fand sie in der „theologia negativa“, einer alten christlichen Tradition. Sie geht davon aus, dass Gottes Wesen menschlicher Erkenntnis und Sprache unzugänglich ist und nicht in menschlichen Kategorien ausgedrückt werden kann. Gotteserkenntnis geschieht im Schweigen und durch Erfahrung.

Ende des 14. Jahrhunderts hat ein unbekannter Autor in England die Schrift „Wolke des Nichtwissens“ verfasst, wo das Nichtwissen ausdrücklich als Weg zu Gott jenseits des Verstandes thematisiert wird. Ich habe das Buch gleich doppelt angeschafft, weil ein Kollege mir das geliehene erste Exemplar erst nach Jahren wieder zurückgebracht hat.

Der Zweifel und die Leere

Ein anderer Autor, in dessen Gedankengängen ich meine eigenen zu erkennen glaubte, war Nikolaus von Kues, Cusanus, ein Philosoph, Universalgelehrter und Kardinal, der wie Montaigne auch in einer Zeit des Umbruchs gelebt hatte, allerdings ein Jahrhundert zuvor. Von ihm stammt der Begriff „docta ignorantia“, „gelehrten Unwissenheit“, die Cusanus als Voraussetzung für die Erfahrung Gottes sieht. Er schrieb auch den Satz, der für mich zu einer Art theologischem Leitsatz wurde und den ich immer unter der Mappe auf dem Schreibtisch aufbewahrte: „Tunc enim reperitur Deus, quando omnia linquuntur; et haec tenebra est lux in Domino“ – „Denn Gott findet man dann, wenn man alles andere verlässt, und dieses Dunkel ist Licht im Herrn.“

Dass in der Leere des Nichts der Umschlag zum All geschieht, ist ein Grundgedanke der Mystik. Diese religiöse Tradition gedeiht vorzugsweise als erkenntniskritische Reaktion auf den Erkenntnisoptimismus des rein rationalen Denkens und seiner Sinngebungsversuche. Mystik und Skepsis sind daher innerlich verwandt. Der skeptische Zweifel wird zur Methode des Leerwerdens, das Mensch und Gott im Nichts zusammenführt. Um mehr über Mystik zu erfahren, schaffte ich mir bei Ex Libris die Buchreihe „Zeugnisse mystischer Welterfahrung“ an, die ich zum Teil sogar gelesen habe.

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