Die Konstruktion der Wirklichkeit und das gekühlte Glaubensfeuer

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Die „theologia negativa“ und das Verständnis Gottes als „Nichts“ war, wie es mir damals schien, wenig geeignet als Glaubensgrundlage für den Priesterberuf. So wie ich diesen Beruf verstand und darin wohl mit den kirchlichen Vorstellungen übereinstimmte, waren Priester nicht dazu da, den Menschen zu verkünden, was Gott nicht sei, sondern was er sei und was er wolle, und dass das alles eingegossen sei in heilige Schriften und unumstössliche Dogmen.

Schweigend zum himmlischen Nichts

Als solcher Priester konnte ich mich nicht vorstellen. Wenn schon als Gottesmann, dann eher als eine weise Figur, die in Stille emporsteigt ins himmlische Nichts. Ein Ausdruck dafür, der mir lieb wurde, fand ich im Bild „Frühmesse“ von Giovanni Segantini, wo ein betagter Priester eine Treppe emporsteigt und sich dem göttlichen Mysterium, symbolisiert im Blau des Himmels und im Mond, nähert.

Mit dem Verblassen meines Glaubens zum bloss gewussten Glauben war das ursprüngliche Berufsziel für mich keine Perspektive mehr. An der Theologie interessierte mich fortan bloss noch, weswegen sie mich nicht mehr interessierte oder umgekehrt, warum sie mich einst interessiert hatte. In der Einleitung zu einer geplanten Lizentiatsarbeit, die nie zu Ende kam, schrieb ich: „Das Theologiestudium kam mir schon bald wie leere Strohdrescherei vor, wie ein Spiel mit Worthülsen. … Das Problem beschäftigte mich. Warum war mir fragwürdig geworden, was für mich einst so selbstverständlich war, dass ich sogar meinen Beruf darauf ausrichten wollte?“

Reise nach Assisi und eine soziologische Offenbarung

Ich erinnere mich wie ich auf einer Studienreise nach Assisi nicht nur von der sakralen Architektur und den Kunstwerken beeindruckt war, sondern auch von dem Geist, auf dessen Fundament das alles entstehen konnte. Er musste tief in der Gesellschaft verwurzelt gewesen sein und das Denken, Fühlen und Handeln so geprägt haben, dass sie die nötigen intellektuellen und materiellen Ressourcen zu investieren bereit war. Unsere Gesellschaft wäre dazu wohl nicht mehr bereit, war ich überzeugt. Die Frage beschäftigte mich, weswegen Vorstellungen, die einst als unhinterfragte Selbstverständlichkeit galten und die Gesellschaft prägten, sich verflüchtigen können und bedeutungslos werden. Wie kommen „Mentalitäten“ zustande und warum wandeln sie sich? Im Wissenschaftsbereich wird eine ähnliche Entwicklung beschrieben als „Paradigmenwechsel“, aber das war mir zu theoretisch.

Dann stiess ich auf die Wissenssoziologie, die für mich wie eine kleine Offenbarung war. Sie ermöglichte mir, meine Erfahrungen in einem schlüssigen Deutungsrahmen zu erklären. Wie ich auf die Wissenssoziologie gestossen bin, weiss ich nicht mehr. Es werden Schriften zur Religion des amerikanischen Religionssoziologen Peter L. Berger gewesen sein, die mein Interesse entfacht haben. Peter Berger hat zusammen mit Thomas Luckmann das Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit – Eine Theorie der Wissenssoziologie“ verfasst. Darin analysieren sie menschliches Wissen, das in der Gesellschaft als vortheoretisches „Jedermannswissen“ oder „Allerweltswissen“ vorhanden ist und wirkt. Dieses Konzept schien mir dem zu entsprechen, was ich als „verwachsenen Glauben“ erlebt habe.

In wissenssoziologischer Sicht ist Wissen das Produkt menschlicher Äusserungen von „Sinn“. Menschen schaffen sich „Sinnwelten“, indem sie Sinn externalisieren, der zu objektiver „Wirklichkeit“ gerinnt in Form von gesellschaftlichen Institutionen, Rollen etc. Sinn neigt zu Konsistenz und zu einer „Sinnordnung“, die in der Gesellschaft vorhanden ist als Wissen. Durch das, was eine Gesellschaft weiss, überlagert sie die Lebenserfahrungen mit einer interpretativen Ordnung, die in einer Symbolsinnwelt ihre oberste Legitimierung erfährt.

Die Plausibilitätsstruktur zerbröselt

Damit Wissen im Bewusstsein der Gesellschaft bestehen kann, muss es gesellschaftlich gestützt werden durch „Plausibilitätsstrukturen“. Sind diese sozialen Trägerstrukturen dicht und einheitlich genug, kann sich Wissen im kollektiven und individuellen Bewusstsein festsetzen als nicht in Frage gestellte und zu stellende Wirklichkeit.

Dieser sozialpsychologische Mechanismus gilt auch für Glaubensvorstellungen. Sind die Plausibilitätsstrukturen eines Glaubens intakt und lückenlos, kann er sich dem gläubigen Bewusstsein als unhinterfragte Selbstverständlichkeit darstellen, quasi als Faktum der Natur. Dieser Zustand ist in der modernen westlichen Welt aber nicht mehr gegeben. Grund dafür ist die „Säkularisierung“, womit die Entlassung der Gesellschaft und Kultur aus der Herrschaft religiöser Institutionen und Symbole gemeint ist. Dominante Lebensbereiche wie die Arbeitswelt leiten ihre Normen nicht mehr aus dem übergeordneten Sinnzusammenhang der Religion ab, sondern funktionieren nach „zweckrationalen“ Erfordernissen. Während in der vormodernen Gesellschaft die gesamte Gesellschaft die stützende Basis einer Religionstradition war, ist die Stützstruktur heute weitgehend auf den privaten Bereich zusammen geschrumpft. Das bedeutet eine massive Schwächung der „Plausibilitätsstrukturen“ für die Glaubenswelt. Die Folge davon ist die allmähliche Verdunstung des Glaubensbewusstseins.

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