Das wissenssoziologische Erklärungsmodell bescherte mir erhellende Einsichten, beseitigte aber nicht die Distanz zu meinem ursprünglichen Berufsziel, dem Priestertum.
Dieses ursprüngliche Berufsziel machte ich mir nun aber zum Thema meiner Lizentiatsarbeit. Das Thema habe ich auf eigene Faust und ohne Rücksprache mit einem Professor gewählt. Ich arbeitete unsäglich lange daran und gab das Projekt schliesslich auf. Vielleicht wollte ich mit dem Thema klären, ob der Priesterberuf doch noch irgendwie in Frage käme für mich. Ich wollte diese Frage aber in ein wissenschaftliches Gewand kleiden, und das war die Wissenssoziologie. Alles, was über das Priestertum zu erfahren war, habe ich mir damals einverleibt. Dutzende Seiten habe ich handschriftlich fein säuberlich mit Bleistift vollgekritzelt mit Exzerpten. Doch die Arbeit uferte immer weiter aus und nahm enzyklopädische Ausmasse an.
Priester ohne Aufgabe
Die Idee der Arbeit bestand darin, in einem wissenssoziologischen Bezugsrahmen zwei „Sinnwelten“ einander gegenüber zu stellen, eine „Wirklichkeit eins“, wo der Priesterberuf einen unverzichtbaren Platz in der Gesellschaft hatte, und eine „Wirklichkeit zwei“, wo der Priester funktionslos geworden ist.
Zentraler Punkt bei diesem Vergleich war die Gottesfrage. In der „Wirklichkeit eins“ nahm der Priester eine unentbehrliche Aufgabe als Mittler zwischen Mensch und Gott wahr als Verwalter und Spender der Heilsgüter. In der „Wirklichkeit zwei“ ist er überflüssig geworden, weil diese Wirklichkeit „entzaubert“ ist und ohne Gottesvorstellung auskommt.
Die katholische Blase
Dabei führte ich auch aus, weswegen diese Entwicklung bei uns erst vor wenigen Jahrzehnten voll zum Durchbruch gekommen ist. Das gelang der katholischen Kirche durch eine Manipulation ihrer Plausibilitätsstrukturen, die es vermochten, dem modernen Zeitgeist der Entzauberung Widerstand zu leisten und ihn eine Zeitlang aufzuhalten. Dazu straffte sie ihre Strukturen, organisierte ihre Mitglieder in katholischen Verbänden und Vereinen, stützte sich politisch auf katholische Parteien, brachte die Kommunikationsmittel unter Kontrolle, und schuf so ein katholisches Milieu, wo der sensus catholicus auf einer Insel inmitten der säkularisierten Welt weiterhin blühen konnte.
Der Priester als Halbgott
In diesem Umfeld kam auch dem Priestertum eine strategische Bedeutung zu als Repräsentant und Träger der katholischen Sinnwelt. Zeitweise genossen Priester damals eine Wertschätzung und Verehrung wie Halbgötter. Der Priesterberuf war ein Traumberuf und versprach hohes Sozialprestige für seine Inhaber und deren Familien und Umfeld. Um an der ersten Messe, der Primiz, eines Jungpriesters teilnehmen zu dürfen, sollte man sogar ein Paar Schuhe durchlaufen, erzählte man sich.
Allmählich aber wurde die Luft in diesem katholischen Milieu so muffig, dass Papst Johannes XXIII. sich entschloss, mit einem „Aggiornamento“ die Fenster weit aufzureissen und frische Luft hereinzulassen. Er berief das Zweite Vatikanische Konzil ein, das für frischen Wind in der Kirche sorgen sollte. Ich selbst gehöre der Generation an, die auf der Schwelle der alten zur neuen katholischen Welt aufwuchs.
Minutiös habe ich diese Entwicklungen in meiner gescheiterten Priesterarbeit aufzuzeigen versucht und dabei meinen eigenen Weg aus distanzierter soziologischen und religionswissenschaftlicher Perspektive verstehen gelernt.
Am Schluss der Arbeit versuchte ich darzulegen, ob sich Auswege fänden aus dem Dilemma zwischen religiöser und säkularer Welt, die das Priestertum in der modernen Welt doch möglich machten. Ich erwog drei Wege.
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