Das Thema Religion als Erfahrung fand ich sehr ergiebig, und ich hätte ihm noch lang nachforschen können. Einer Frage nachzuspüren und Zusammenhänge zu entdecken, war für mich eine lustvolle Beschäftigung und erfüllte mich. Aber irgend einmal musste der Ernst des Lebens anfangen und sich das Studium auszuzahlen beginnen.
So nahm ich eine Stelle als Religionslehrer an der Kantonsschule in Baden an und stand im Sold der Aargauer Landeskirche. Zu meinen Aufgaben gehörte auch die Betreuung eines Foyers, wo der Unterricht stattfand und sich die Kantonsschüler zu geselligen Anlässen treffen konnten.
Die Lizentiatsarbeit hatte ich noch nicht abgeschlossen. Sie war gänzlich ausgeufert und sass mir als lästige Pendenz ständig im Nacken. Ich war ratlos, wie ich die Stofffülle unter einen Hut bringen konnte. Ratlos war auch der Professor, dem ich den Torso schliesslich vorlegte. Er habe das Gefühl, dass ich darin alles und jedes angesaugt habe, was mich persönlich beschäftigte. Damit hatte er nicht unrecht.
Der Priester und der Narr
Ich wechselte das Thema und griff einen Aspekt heraus. Bei meinen Forschungen war ich auf den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski gestossen, der in seinem Buch „Der Mensch ohne Alternative“ einen Vergleich zwischen dem Typus des Priesters und jenem des Narren anstellt. Für Kolakowski verkörpern die beiden Figuren zwei gänzlich entgegengesetzte Philosophien. Der Priester ist für Kolakowski der „Wächter des Absoluten, er dient dem Kultus des Endgültigen und der anerkannten Selbstverständlichkeiten, die in den Traditionen verwurzelt sind“. Der Narr dagegen „ist der Zweifler an allem, was als selbstverständlich gilt, er verkehrt zwar in guter Gesellschaft, doch er gehört ihr nicht an und sagt ihr Impertinenzen“. Die Haltung des Narren sei „in einer Welt, in der scheinbar schon alles geschehen ist, die Bewegung der Phantasie“.
In der Welt, aber nicht von der Welt
Statt des Priesters wollte ich für meine Lizentiatsarbeit jetzt die Figur des Narren wählen. In einem Exposé erläuterte ich dem Professor diesen Gedanken: In meiner Arbeit gehe es mir darum, den Narren als eine genuine christliche Glaubensgestalt darzustellen. Der Narr verkörpere auf seine eigene Weise das christliche Prinzip „In der Welt – aber nicht von der Welt“ zu sein.
Dem Narren fühlte ich mich zweifellos näher verwandt als dem Priester. Er war meinem skeptischen Gemüt seelenverwandt. Dieses skeptische Gemüt schien sich bei mir schon viel früher, in der Gymnasialzeit, geregt zu haben. Für die Schlussarbeit in Deutsch hatte ich damals das Thema „Scherz, Satire und Ironie“ gewählt.
Die Arbeit über den Narren zerschlug sich jedoch. Es bestand die Befürchtung, dass auch sie ins Enzyklopädische abgleite und kein Ende fände.
Kühl berechnet: Journalismus
Die Frage wurde aber immer lauter: Wie soll mein weiterer Berufsweg aussehen, wo der Narr mir doch viel näher steht als der Priester? So stellte ich eine kühle Rechnung an: Wie kann ich die Früchte meines Studiums ernten und ummünzen ohne mich in eine Rolle zu zwängen, in der ich mich hätte verbiegen müssen. Die Rechnung ergab: Journalismus. Hier, sagte ich mir, kann ich das erworbene Wissen verwerten ohne ideologische Vereinnahmung. Journalist und Narr sind gar nicht so weit weg voneinander. Beide stehen mittendrin und doch am Rand. Sie sind in der Welt, aber nicht von der Welt.
Die Welt sub specie aeternitatis
Ich kehrte also an die Universität Freiburg zurück, schrieb eine neue Lizentiatsarbei bei einem verständigen Professor, schloss das Theologiestudium ab und erwarb mit einem zusätzlichen Studium das Diplom in Journalistik.
In der neuen Lizentiatsarbeit untersuchte ich den Begriff der Religion bei Peter L. Berger, dem Wissens- und Religionssoziologen. Von ihm hatte ich alles gelesen, was damals greifbar war. Die akademische Pflichtübung war überschaubar und in nützlicher Frist zu bewältigen.
Ein wiederkehrender Gedanke bei Bergers Religionsverständis ist der Begriff der „Entfremdung“ oder „Verdinglichung“. Gemeint ist damit die Tendenz der Religion, dem Menschen das Bewusstsein zu vernebeln, dass er der Schöpfer seiner Welt ist. Indem Religion von Menschen geschaffene Institutionen, Rollen etc. in den Himmel projiziert und sakralisiert, erscheinen sie dem Menschen als „opus alienum“, als fremdes Werk, das nicht angetastet werden darf. Das verschafft Sicherheit, „entfremdet“ den Menschen aber auch von seinem eigenen Werk.
Gelegentlich, nach Berger nicht sehr häufig, kann aber auch das Gegenteil eintreten: dass Religion das menschliche Bewusstsein „ent-entfremdet“, indem sie die Welt „sub specie aeternitatis“, aus dem Blickwinkel der Ewigkeit, betrachtet und in dieser Perspektive alles Menschenwerk relativiert und als Menschenwerk bewusst macht.
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