Der Glaube an den Glauben oder Orthodoxie ohne Duft und Farbe

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Ein anderer Weg, den Priesterberuf in die säkulare Welt zu retten, wäre gewesen, sich erst gar nicht auf diese säkulare Welt einzulassen, sondern weiter in der religiösen Sinnwelt zu verharren oder wieder zu ihr zurückzukehren. Das hätte zwar eine Art „intellektuelles Opfer“ bedeutet, ein „sacrificium intellectus“. Diese Option wäre aber in guter Gesellschaft mit ähnlichen Strategien in der Theologiegeschichte gewesen, dem „Fideismus“ zum Beispiel. Dieser ging von einer doppelten Wahrheit von Glauben und Wissen aus und befand, der Glaube sei einfach zu glauben. Wilhelm von Ockham ist seinerzeit zu diesem Schluss gekommen.

„Paris ist eine Messe wert“

Möglich wäre auch gewesen, sich der „Wette“ des französischen Philosophen Blaise Pascal anzuschliessen, der eine Kosten-Nutzen-Analyse des Glaubens an den unbeweisbaren Gott aufstellte und den Gottesglauben favorisierte im Sinn: „Nützt er nichts, so schadet er nichts.“ Mir hätte er im Fall eines Entscheids für den Priesterberuf nicht nur nichts geschadet, sondern sogar einiges genützt. Pragmatisch gerechnet hätte der forcierte Glaube attraktive berufliche Perspektiven eröffnet mit sicherer Stelle und anständiger Pfarrpfründe. Wie einst der konvertierte König von Frankreich, Heinrich IV., hätte ich mir opportunistisch einreden können: „Paris vaut bien une messe“.

Für mich kam ein solcher Glaubenssprung zurück oder ein „Glaube an den Glauben“ (Watts) aber nicht in Frage. Er wäre in meinen Augen eine Art Selbstbetrug gewesen. Wer den „verwachsenen Glauben“ hinter sich gelassen hat, kann nicht durch einen Willensakt in der gleichen Unschuld und Selbstverständlichkeit wie vorher zu ihm zurückkehren. Gut auf den Punkt bringt das eine Definition des Glauben des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre: „Glauben heisst wissen, dass man (lediglich) glaubt; aber wissen, dass man (lediglich) glaubt, heisst aufhören, (wirklich) zu glauben“ (Kaufmann Ketzer 14).

Blumen aus Kunststoff

Nach dem Stadium des Zweifels hat die ursprüngliche Orthodoxie ihre „Unschuld“ verloren. Sie wird zur „Neo-Orthodoxie“. Während jene sich in gelöster Selbstgewissheit, gelassener Würde und relativer Offenheit und Weite des Denkens und Handelns behauptet, haftet dieser leicht etwas von enger Prinzipientreue, doktrinärer Starrheit, etwas Überstrapaziertes, Rigoroses, wenn nicht gar Fanatisches an. Relativierung und Zweifel würden ihren Halt im Leben bedrohen.

Selbst wenn äusserlich alle Inhalte, Formen und Feiern des Glaubens genau dieselben sind wie einst, sind sie eben nicht mehr dieselben. Sie gleichen Blumen aus Kunststoff. Auch wenn diese naturgetreu bis ins Detail nachgebildet sind, bleiben sie künstlich. Das spürt man. Eine treffende Beschreibung dieses Gespürs habe ich im Roman „Die Leiden des jungen Törless“ von Robert Musil gefunden: „Die Form bleibt, aber die Farben der Duft fehlen. Das heisst, man erinnert sich ihrer wohl Wort für Wort, und der logische Wert des gefundenen Satzes bleibt völlig unangetastet, dennoch aber treibt er haltlos nur auf der Oberfläche unseres Inneren umher, und wir fühlen uns seinethalben nicht reicher.“ (Törless 144).

Der Wille zu glauben

Glaubenswelten sind Sinnwelten, die den Menschen Heimat und Halt bieten wollen. Karl Jaspers nennt sie „Gehäuse“. Sie seien „entweder wachsend, sich bildend und dann lebendig“, oder „fertig, nur gewählt und dann mechanisch und tot“. (Psychologie der Weltanschauungen) Meiner Meinung nach charakterisiert das auch den Unterschied zwischen – echtem – Glauben und Ideologie. Ideologie entspringt dem „Willen zu glauben“. Dieser „Wille zu glauben“ scheint ein tiefes menschliches Bedürfnis zu sein. „Es ist ein Trieb in uns,“ sagt Jaspers, „dass irgendetwas endgültig und fertig sein soll. Etwas soll ‚richtig‘ sein, eine Lebensführung, ein Weltbild, eine Wertrangordnung. Der Mensch lehnt es ab, immer nur von Aufgaben und Fraglichkeiten zu leben.“

Dieses Bedürfnis wurde lange Zeit von der Religion gestillt, die ihre Sinnwelt auf transzendente Wesenheiten ausrichtete. Auch der säkulare Geist dürstet jedoch nach Sinn. Um den Sinnhunger zu stillen, sind auch säkulare Menschen mitunter bereit, noch an die absonderlichsten Vorstellungen zu glauben und sich Autoritäten zu unterwerfen. „Der Regen der Götter benetzt den Sarg des Gottes, der sich gerade überlebt hat. Die Gottlosen haben ihre Heiligen und die Blasphemiker bauen Gotteshäuser.“ , sagt Kolakowski.

Unfähig zur Ideologie

Zur Stützung ihrer Glaubensvorstellungen sind auch nichtreligiöse oder neureligiöse Sinnwelten auf Plausibilitätsstrukturen angewiesen. Sie müssen soziale Blasen bilden, wo sie ihre Ideen gemeinsam pflegen und festigen und gegen aussen abgrenzen können. Mentale Gettobildung ist die Folge. „Wer im endgültigen Besitz der Wahrheit ist, kann nicht mehr mit dem anderen richtig reden. Er bricht die echte Kommunikation ab zugunsten seines geglaubten Inhaltes.“ Soziologisch gesehen ergibt sich daraus die soziale Struktur einer Sekte, deren Mitglieder nur unter ihresgleichen verkehren dürfen.

Allein schon, um einem solchen sozialen und mentalen Getto zu entgehen, kam eine neuorthodoxe Glaubensoption für mich nicht in Frage. Der tiefere Grund liegt aber darin, dass mich der Geist der Skepsis glaubensunfähig gemacht hat gegenüber Ideologien.

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