Ich nahm den Faden wieder auf, wo ich ihn beiseite gelegt hatte, als ich beruflich auf einen anderen Weg einbog. Damals hatte mich die skeptische „docta ignorantia“ zur „theologia negativa“ und zum Zitat „Tunc enim reperitur Deus, quando omnia linquuntur; et haec tenebra est lux in Domino“ von Nikolaus von Kues. Das Zitat, das mich sehr angesprochen hatte, drückt einen Grundgedanken der Mystik aus. Mystik sucht Gott in der Leere des Nichts.
So begann ich den Boden für meinen Neustart als Seelsorger zu bereiten, indem ich mich in das Thema Mystik vertiefte. Ich ackerte mich unter anderem durch das umfangreiche Buch „Mystik“ der englischen Autorin Evelyne Underhill durch. Zumindest in der angelsächsischen Welt ist es eine Art Standardwerk zum Thema, das ich immer wieder zitiert fand. In unseren kirchlichen Kreisen bin ich ihm nie begegnet, was mich erstaunte.
Evelyne Underhill versteht Mystik als „die Kunst, eine bewusste Verbindung mit dem Absoluten herzustellen“. Dazu müsse man, schreibt sie, „der Täuschung der Endlichkeit“ entfliehen und „sein Ich“ aufgeben.
Im Rausch zu Gott
Dieser Gedanke war mir ja schon vertraut vom Religionspsychologen William James. Er beschreibt die Wirkung der Mystik in seinem Werk „Die Vielfalt der religiösen Erfahrung“ als „Überwindung aller gewöhnlichen Barrieren zwischen dem Einzelnen und dem Absoluten“. Die Überwindung dieser Barrieren kann ganz natürliche Ursachen haben und setzt keine übernatürliche Erleuchtung voraus. James spricht vom „trunkenen Bewusstsein“, das von Rauschmitteln wie Alkohol ausgelöst werden kann. Ich fand diese Erkenntnis spannend, weil sie das religiöse Mysterium nicht schon dort ansiedelt, wo noch der nüchterne Verstand hinreicht.
Daher fand ich auch Gefallen an Aldous Huxley und seinem Buch „Die Pforten der Wahrnehmung“. Huxley sieht in psychedelischen Substanzen „Türöffner“ zu mystischen Erfahrungen. Diese „Entheogene“ können mentale Filter ausser Kraft setzen, die das Gehirn normalerweise vor Reizüberflutung schützen. Dadurch wird die Trennung von individuellem Bewusstsein und äusserer Welt aufgehoben und eine Einheitserfahrung ausgelöst.
Alle Menschen sind Mystiker
Um Näheres über den Zusammenhangs von Religion und Gehirn zu erfahren, beschäftigte ich mich vertieft mit Abhandlungen einer Disziplin, die sich „Neurotheologie“ nennt. Unter anderem studierte ich Schriften des Hirnforschers und Religionswissenschaftlers Andrew Newberg. Er ist der Ansicht, dass im Grunde alle Menschen von Natur aus Mystiker seien. Denn allen Menschen sei die Gabe angeboren, sich selbst zu transzendieren. Der Vorgeschmack einer Verschmelzung mit dem Absoluten könne sich schon einstellen im Genuss von Musik und Kunst oder in der Verzückung durch Naturerlebnisse. Neurologisch lasse sich diese Erfahrung erklären mit einer „neuronalen Reizblockade“. Dadurch weiche sich das Ich-Empfinden auf und das Selbst tauche ein in eine grössere Wirklichkeit.
Der Ego-Tunnel
Diese Prozesse beschreibt auch der deutsche Philosoph Thomas Metzinger in seinem Buch „Der Ego Tunnel“. Ich verschlang es in den Ferien mit Mirjam in Santa Margherita. Metzinger sieht das Gehirn als einen „Wirklichkeitsgenerator“. Unsere wahrgenommene Wirklichkeit sei kein Abbild der Aussenwelt, sondern eine Konstruktion unseres Gehirns. Das Gehirn sorge zum Beispiel dafür, dass wir die Welt in bunten Farben sehen, obwohl es in der Aussenwelt gar keine Farben gebe. In der Aussenwelt existiere lediglich ein „Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen“. Unsere Realitätswahrnehmung sei wie ein Tunnel durch diesen unendlichen Ozean. Ausgekleidet sei er mit Realitätsmodellen, die unserer Gattung im Evolutionsprozess die besten Überlebenschancen böten.
Nicht nur unser Weltbild sei eine Konstrukt unseres Gehirns, sondern auch unser Selbstbild, unser bewusstes Ich. Auch unsere Identität ist nur eine Repräsentation unseres Gehirns. Das Gehirn sei das Medium all unserer Realitätswahrnehmungen.
Ein Vorhang aus Icons
Diese neurologischen Erklärungen der Realitätswahrnehmung fand ich äusserst inspirierend. Auch der amerikanische Psychologe Donald D. Hoffman und andere nährten diese Faszination.
Hoffman erklärt die Schaffung der Wirklichkeit im Gehirn mit Vergleichen aus der Computerwelt. Die Wahrnehmung ist kein Fenster zur objektiven Realität, sondern vergleichbar einem Interface, einer Benutzeroberfläche, die die objektive Realität hinter einem Vorhang aus Icons verdeckt. Raum, Zeit und physische Objekte sind seiner Theorie nach keine objektiven Realitäten, sondern nur Datenstrukturen, die uns die Sinne liefern, und die uns als reale Objekte erscheinen wie die Icons auf dem Computer. Des Interface richtet sich nicht auf die Wahrheit der Dinge, sondern ist nur darauf ausgerichtet, der Spezies die Existenz im Evolutionsprozess zu ermöglichen.
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