Der Lampengeist im Wald und die Stufen des Bewusstseins

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Die Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Hirnforschung und der Erkenntnistheorie hat mich zurückgeführt zum Thema, das mich im Studium so intensiv beschäftigt hat, und zu dem ich Antworten bei der Wissenssoziologie fand: Was ist Wirklichkeit, wie entsteht sie, warum nehmen wir sie als Wirklichkeit wahr? Damals wurde mir bewusst, dass Wirklichkeit eine Konstruktion ist, die gesellschaftlich zustande kommt. Jetzt liess mich die Hirnforschung Realität begreifen als ein Konstrukt unseres Gehirns.

Das Thema Wirklichkeit scheint die ganze Zeit tief in mir geschlummert zu haben. So konnte mich der Satz „triggern“, den ich damals auf einem Winterspaziergang mit Mirjam an einem Fensterladen an der Schipfe in Zürich entdeckt habe: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“

Die Konstruktion im Hintergrund

Die Realität ist nicht realistisch, weil sie eben ein Konstrukt ist und sich unserem naiven Realitätsverständnis irrtümlicherweise als objektive Realität darstellt. Insofern lügt die Realität.

Diese Erkenntnis läuft dem gesunden Menschenverstand allerdings zuwider. Für das Alltagsbewusstsein lügt die Realität nicht. Der naive Realismus nimmt die Realität nicht als „Lüge“ wahr. Für den naiven Realisten ist Wahrnehmung ein Fenster zu einer objektiven Realität. Das entspricht dem spontanen Erleben und dem Augenschein, so wie der Augenschein uns ja auch die Sonne auf- und untergehen sehen lässt, und wir nicht den Mechanismus der Erddrehung dahinter wahrnehmen.

In der Regel merken wir nichts davon, dass das Gehirn das Medium all unserer Realitätswahrnehmungen und Realitätskonstruktionen ist. Denn die Konstruktionsprozesse sind unsichtbar. Sie verlaufen „transparent“ im Hintergrund unseres Bewusstseins. Der Konstruktionsprozess nimmt sich selbst nicht wahr, so wie unser Auge sich selbst nicht sehen kann, aber die Welt sieht.

Das Innere lebt draussen

Das naive Bewusstseins zeichnet sich dadurch aus, dass es mentale innere Konstrukte als äussere Faktizitäten wahrnimmt. Diese Erkenntnis ist mir schon in meinem Studium der Entwicklungspsychologie begegnet. Die Entwicklung des Kindes durchläuft verschiedene Stadien und Stufen. Auf einer frühen Stufe kann das Kind noch nicht zwischen seiner Innen- und Aussenwelt unterscheiden, wie zum Beispiel Jean Piaget in seinen Studien zeigt. Auch eine animistische Phase durchlebt das Kind, wo es glaubt, alle Dinge in der Welt seien lebendig. Ich selbst kann mich an ein solches Erlebnis erinnern. Als kleiner Bub steinigte ich einst im Wald einen entsorgten Lampenschirm aus Emaille. Darauf begann dieser zu knistern und ich ergriff von Schreck erfüllt die Flucht im Glauben, es sei ein böser Lampengeist.

So wie das kindliche Bewusstsein sich entwickelt, hat offenbar auch das Menschengeschlecht als ganzes bewusstseinsmässig eine Entwicklung durchlaufen. Kulturphilosophen und Bewusstseinsforscher wie Jean Gebser oder Ken Wilber haben dafür Stufenmodelle entwickelt. So erlebte das archaische Bewusstsein sich noch ganz vereint mit der Umwelt und unterschied nicht zwischen sich und der Natur. In folgenden Stufen wie der magischen, mythischen, mentalen oder wie sie alle bezeichnet werden, kam das Bewusstsein immer mehr zu sich selbst.

Der konkretistische Stillstand

Ein solches Stufenmodell vertritt auch Willi Obrist, ein Schweizer Arzt und Jung-Experte. Ich fand seine Schriften interessant, weil Obrist darin den Bedeutungsschwund des christlichen Glaubens in der modernen Welt aus der Sicht einer „Mutation des Bewusstseins“ zu erklären versucht. Nach Obrist ist die christliche Theologie in einer archaischen Phase steckengeblieben und trifft daher den Ton nicht mehr, der ein entwickeltes Bewusstsein ansprechen könnte. Kern seiner Kritik ist, dass die Glaubensvorstellungen nicht als das verstanden würden, was sie seien, nämlich innere Seelenbilder, sondern „konkretistisch“ als Faktizitäten aufgefasst und nach aussen projiziert würden.

Vom naiven zum bewussten Realismus

Vielleicht habe ich mit all dem, was ich bisher geschrieben habe, einfach nur die Entwicklung meines eigenen Bewusstseins geschildert. Der Weg führte mich vom naiven Realismus des verwachsenen Glaubens über den gewussten Glauben zum Zweifel und zur Skepsis. Durch den Zweifel gelangte ich zu einem bewussten Realismus führten, der sich der Konstruiertheit aller menschlichen Realität bewusst ist. Und der sich bewusst ist, dass hinter aller konstruierten Realität nur eines ist – die Ewigkeit.

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