Was aber ist die Ewigkeit? Was der Autor des Zitats „Die Realität lügt …“ mit Ewigkeit meint, konnte ich nicht herausfinden. Ich stelle mir unter „Ewigkeit“ jene Wirklichkeit vor, die unseren sozialen und neurologischen Realitätskonstruktionen voraus liegt und unsere menschliche Erkenntnis übersteigt.
Der altgriechische Philosoph Demokrit vermutete hinter unserer menschlichen Realität den endlosen Raum des Nichtseins ohne Mitte und Grenzen, belebt mit winzigen Teilchen, den Atomen, die sich ohne Plan und Absicht unaufhörlich verketten und auflösen und so die Formen des Seins bilden.
Das eine Meer und die vielen Wellen
Eine beliebte Metapher für die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit ist das Bild des Meeres oder des Ozeans. Thomas Metzinger verwendet sie in seinem Buch „Der Ego-Tunnel“. In der physikalischen Aussenwelt, sagt er, gebe es keine Farben und Formen, sondern lediglich einen „Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen“. Die Meeresmetapher findet sich auch bei Ken Wilber, der die Vielheit der Dinge mit den Wellen an der Oberfläche eines Ozeans vergleicht.
Das Bild der Meeres hat aber schon im 13. Jahrhundert Gefallen gefunden beim Franziskanermönch Johannes Duns Scotus. Er zieht die Ozean-Metapher heran, um das Wesen Gottes auszudrücken: „Gott ist nämlich ein Meer unendlicher und folglich ununterschiedener Substanz.“ Für Dun Scotus ist Gott das grenzenlose und ununterschiedene Eine, das allem Geschaffenen zugrunde liegt. Der Dominikanermönch Meister Eckhart formulierte es so: Gott ist das Sein selbst – „deus est esse“ und „esse est deus“. Er ist der gestaltlose Urgrund, aus dem alle Gestalt hervorgeht, das „Nicht-Sein“, das alles Seiende begründet, das Nichts, in dem alle Fülle liegt.
Nach Eckhart kann das, was mit Gott gemeint ist, keine Bezeichnung haben. Gott ist keine Person, Gott hat kein Bild, Gott ist eigentlich kein Gott. Diese Sicht vertritt auch die theologia negative, für die mein skeptischer Geist schon im Studium grosse Sympathien hatte. Für die theologia negativa entzieht sich der letzte Grund des Seins dem menschlichen Begreifen. Er lässt sich nicht in Begriffe fassen oder mit Worten benennen. „Die Ursache aller Dinge ist weder Seele noch Intellekt; noch hat es Vorstellungskraft, Meinung, oder Vernunft oder Einsicht; noch ist es Vernunft oder Einsicht; noch ist es Sprache oder Gedanke“, sagte der Vater der negativen Theologie, Dionysius Areopagita.
Gottes Sprache ist die Stille
Dasselbe meint auch der taoistischen Weise Dschuang Dsi, wenn er rät: „Frage nicht, ob der Ursprung in diesem oder jenem liegt. Er ist in allen Wesen. … Er ist der Urheber der Verdichtungen und Verflüchtigungen … Alles geht aus ihm hervor und steht unter seinem Einfluss. Er ist in allen Dingen, ist aber nicht identisch mit ihnen, denn er ist weder unterteilt noch begrenzt.“
Niemand kann sagen, was die letzte Wirklichkeit ist. Nach islamischem Glauben hat Allah 99 Namen. Der hundertste Name bleibt verborgen, weil Gott grösser ist als alle menschliche Erkenntnis. Der hundertste Name sei das Schweigen, wird in manchen Sufi-Orden gelehrt. „Gottes Sprache ist die Stille, alles andere ist schlecht übersetzt. Jalaluddin Rumi Hoffman
Bruno büsst mit dem Tod
Für den deutschen Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger ist Gott das „Nichts“, das „sich jeden Augenblick neu in millionenfachen Formen erschafft“, die „Gestaltungskraft in jeder Gestalt“. Sie hat viele Namen: Allumgreifendes, Urgrund des Seins, die Gottheit, das Absolute, Brahman, Leerheit, die Erste oder Letzte Wirklichkeit. Der niederländische Philosoph Baruch Spinoza hat sie die „ewige Substanz“ genannt.
In der Renaissance hat der Dominikanermönch Giordano Bruno Ansichten in dieser Richtung geäussert, was ihm aber zum Verhängnis wurde. Er begriff das Universum als unermessliche Unendlichkeit ohne Grenzen und Mittelpunkt und vertrat die Idee, dass Gott allem Sein innewohne. Das Universum sei Gott und Gott das Universum und ausser der Substanz, den Kräften und den Gesetzen, die sich im Universum manifestierten, gebe es keinen Gott. Solche Gedanken galten damals als Ketzerei, für welche die kirchlichen Glaubenshüter kein Verständnis hatten. Sie schickten Bruno in Rom auf dem Scheiterhaufen in den Tod.
Die natura naturans und die natura naturata
Die Vorstellung eines personalen Gottes, der die Welt in einem einmaligen Akt geschaffen hat, war mit dem pantheistischen Gedanken eines Gottes, der sich fortdauernd in den Seinsformen verwirklicht, damals nicht vereinbar. Er kommt eher dem Evolutionsgedanken nahe. Aber auch in der christlichen Theologie gibt es die Vorstellung der „creatio continua“, der fortdauernden Schöpfung, sowie die Vorstellung Gottes als „natura naturans“, der Natur, die schafft und Ursache der „natura naturata“, der geschaffenen Natur ist.
Diesen Gedanken hat Baruch Spinoza aufgenommen und in die Formel „deus sive natura“, „Gott oder Natur“ gefasst. Die beiden Begriffe sind austauschbar. Beide bezeichnen jene letzte Realität, die sich selber produziert, und aus der alles Sein fliesst, das die wirksame Ursache seiner selbst ist, sich ständig wandelt und in ständiger Regeneration begriffen ist
Die Welt als Illusion
Alle „natura naturata“, auch wir Menschen, sind Ausformungen und Teil dieser letzten Realität. Aber wir sind so geschaffen, dass wir unsere eigene menschliche Realität konstruieren müssen, um existieren zu können. Im Normalfall nehmen wir diese Konstruktionen als die Realität an sich wahr. Aber das ist sub specie aeternitatis betrachtet eine Illusion. Die Realität lügt. Vermutlich kommen jene östlichen Religionstraditionen der Wahrheit näher, die die Welt als „Maya“ betrachten, als Illusion.
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