Der Tropfen im Wein und Staunen über das Mysterium

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Das Verständnis Gottes als der Wirklichkeit hinter aller Wirklichkeit machte ich zur Grundlage meines Wirkens als Seelsorger. Ich sah in ihm den roten Faden, der mich seit dem Studium oder schon früher geleitet hat. Mit diesem Faden wob ich nun das theologische Fundament für mein Amt. Möglicherweise bewegte ich mich dabei nicht immer ganz in der Spur der offiziellen kirchlichen Vorgaben. Aber das schien in der kleinen Landpfarrei, wo ich wirkte, kaum jemanden zu kümmern.

Ein stoisch angehauchtes Bibelwort

Ein Zitat aus der Bibel wurde mir dabei zu einer Art Leitmotiv, das ich immer wieder in meine Ansprache eingeflochten habe: „In ihm leben, weben und sind wir.“ In diesem Satz aus der Apostelgeschichte sah ich den Ausdruck eines pantheistischen Gottesbildes und Daseinsgefühls, das mich überzeugte. Ich freute mich, dass auch der Apostel Paulus diese etwas unorthodoxe Ansicht teilte. Leider stammt der Satz nicht von ihm, stellte ich später fest. Er wurde dem Apostel in den Mund gelegt, um den gebildeten Schichten in Athen die christliche Heilslehre schmackhaft zu machen. Das Zitat stammt ursprünglich von einem griechischen Dichter, welcher der Philosophie der Stoiker anhing, die mich schon in den Gymnasialjahren mit ihrem pantheistischen Weltbild angesprochen hatte.

Der Zen-Meister und ein Mönch aus dem Elsass

Eine hilfreiche Inspirationsquelle für meine theologischen Überzeugungen waren die Schriften von Willigis Jäger, einem deutschen Benediktinermönch und Zen-Meister, dessen Ansichten später bei den Glaubenshütern in Ungnade gefallen sind. Bei mir fielen sie auf fruchtbaren Boden. Jäger war mir seit dem Studium bekannt als Verfasser einer Einleitung in das Büchlein „Die Wolke des Nichtwissens“, auf das mich mein Interesse an der „theologia negativa“ geführt hatte.

Neben Willigis Jäger war der Dominikanermönch Johannes Tauler eine ergiebige Quelle der Inspiration für mich. Er wirkte vor 700 Jahren im Elsass und eine Zeitlang auch in Basel, was ihn mir besonders sympathisch machte. Mit seinen Gedanken stand er auf der spirituellen Linie seiner Ordensbrüder Meister Eckhart und Heinrich Seuse.

Die mystische Verkostung

Tauler hat das Erlebnis der Einheit von Ich und letzter Wirklichkeit so beschrieben: Der Geist versinke so in dem Grund, „dass er alle Unterscheidung verliert. Er wird so eins mit der Süssigkeit der Gottheit, dass sein Wesen so mit dem göttlichen Wesen durchdrungen wird, dass er sich verliert wie ein Tropfen Wasser in einem grossen Fasse Wein“.

Eine mystische Verkostung von Gottes Süsse war mir nicht vergönnt, und auch mein spiritueller Tiefgang war nicht tief genug, als dass ich im Urgrund hätte zerfliessen können.

Die zersprungene Vase

Das ist aber auch gar nicht die Absicht der mystischen Erfahrung. Sie ist kein Weg zurück in ein archaisches Weltbewusstsein. Es geht, in den Worten von Willigis Jäger, nicht darum, mit Gott eins zu werden, sondern sich der Einheit mit der „Ewigkeit“ bewusst zu werden, die schon immer besteht. Mystik hebt die Identität von konstruierter und letzter Wirklichkeit ins Bewusstsein. Sie durchschaut die ständigen Konstruktionsprozesse des Gehirns. Darin besteht die „Erleuchtung“.

Im Buddhismus gibt es das Bild der leeren Vase, deren Innenraum und Aussenraum identisch sind. Nur die Wände trennen sie voneinander. Wenn die Wände zerspringen, werden Innenraum und Aussenraum eins. Wenn die Konstruktionen unseres Bewusstseins zerfliessen, werden wir uns der Einheit mit dem Seinsgrund bewusst. (Bild Magritte) Das „Reich Gottes in uns ist“, wie Tauler sagt.

Dle Schleier zerreissen

Diesen Auflösungsprozess hat bei mir die Skepsis angestossen, die meine herkömmliche Glaubenswelt relativiert zum Zerfliessen gebracht und aufgelöst hat … quando omnia liquuntur … und mich vom Weg zum Priester abgehalten hat.

Als Priester hätte ich letzte und absolute Wahrheiten vertreten und verkünden müssen. Der Skeptiker kennt aber keine letzten irdischen Wahrheiten und schon gar keine Dogmen. Was wir als Wissen hinnehmen, sind immer nur menschliche Konstruktionen. Da jeder von uns die Welt aus seiner eigenen, einzigartigen und daher relativen Perspektive wahrnimmt, muss folglich auch alles Wissen relativ sein. Das macht jeden Dogmatismus und jeden Wissensdünkel, und was daraus folgt, unmöglich. Mein liebstes Märchen ist das Märchen vom König ohne Kleider. Es braucht den unbefangenen Blick des Kindes oder des Narren, der den Schleier des Scheins zerreisst und irdische Konstruktionen dekonstruiert.

Staunen über das Mysterium

Die letzte Realität, die Ewigkeit, ist ein Mysterium, ein unauflösbares Rätsel, vor dem menschliche Wissenskonstruktionen versagen. Am Ende bleibt nur die Stille oder das Staunen über über das Wunder des Seins und die Vielfalt, deren Teil wir sind.

Für Schleiermacher war das Wesen der Religion „weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl“, nämlich „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“. Dieses seiner Meinung nach allgemein menschliche Gefühl beschreibt er so: „Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion.“

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