Kapitel 1

Eine Entdeckung an der Schipfe und der Turm von Montaigne

An der Schipfe in Zürich, einem alten Stadtquartier, existierte bis vor einigen Jahren ein kleiner Laden, der allerhand Kuriositäten feilbot, und dessen Fensterläden mit tiefsinnigen Zitaten geschmückt waren. Am rechten Laden stand: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“

Das Zitat klingt rätselhaft. Es soll vom Schriftsteller Eugène Ionesco stammen, aber ich konnte nie herausfinden, wo er es gesagt oder geschrieben hat, und wie er es meinte. Entdeckt habe ich den Satz im Dezember 2010 auf einem Winterspaziergang durch Zürich mit Mirjam, und schlagartig hat er mich berührt. Irgendwie schien es auf den Punkt zu bringen, was in mir lange schlummerte und gärte. Es wirkte wie die Quintessenz meiner Einsichten und Gedanken.

Daher nahm ich mir vor, dem Interesse an dem Zitat gründlicher nachzuforschen und setzte diese Aufgabe als Projekt für die Zeit nach dem Berufsleben auf meine Liste.

Skeptiker im Turmgemach

Schon in früheren Jahren hatte ich Vorstellungen, wie ich meinen Ruhestand gestalten wollte. Mir schwebte vor, an einem lauschigen Ort in Musse meinen Gedanken nachzuhängen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Vorbild dieses Traumes war Michel de Montaigne, der französische Philosoph und Humanist, der im 16. Jahrhundert diese Vision verwirklicht hatte. Auf seinem Schloss im Périgord im heutigen Departement Dordogne machte er sich in einem Turmgemach Gedenken über sein Leben und die Einsichten, die es ihm beschert hatte, und schrieb sie freimütig nieder in seinem Werk „Die Essais“.

Auf diese Essais bin ich gestossen während meines Theologiestudiums, das mich zum Zweifler gemacht hatte und mich nach Verwandten im Geiste suchen liess. Montaigne war eine der ersten Adressen.

Montaignes Wahlspruch lautete „Que sais-je?“ – „Was kann ich (schon) wissen?“. Der Philosoph hatte die Grenzen menschlicher Erkenntnis durchschaut und hegte eine tiefe Skepsis gegen alle menschlichen Gewissheitsansprüche. Die französischen Religionskriege hatten ihm vor Augen geführt, was Gewissheitswahn und Dogmatismus anrichten konnten, und auf seinen Reisen erlebte er, wie relativ Weltbilder sind. Was ist dran an einer „Wahrheit, die nur bis zum Gebirge gilt und die für die Menschen auf der anderen Seite zur Lüge wird?“, fragte er sich in einem seiner Essais.1Michel de Montaigne: Die Essais. Zweites Buch. Apologie des Raimond Sebond. Reclam, Stuttgart 1953, Seite 228

Zerplatzte Gewissheit

In Montaignes Gedanken fand ich ausgedrückt, was mich damals zunehmend beschäftigte. Immer mehr öffnete sich während des Studiums mein Blick für die Relativität meines eigenen Weltbildes. Die Sinnwelt, in die ich als Kind hineingewachsen war, und die mir als fraglose Gewissheit erschien, wurde immer zweifelhafter.

Das ist eine Erfahrung, die viele andere Menschen wohl auch machen, wenn sie der Sinnwelt entwachsen, in die sie hinein geboren wurden. Aber nicht für alle wird diese Erfahrung zum Problem wie bei mir. Ich war unterwegs zum Priesterberuf, und dieser Beruf setzt ein Weltbild oder eine Sinnwelt voraus, die mir zweifelhaft wurde. Als Priester hätte ich in diesem Weltbild nicht nur verankert sein müssen, sondern ich hätte auch die Aufgabe gehabt, es als dessen Experte und Spezialist zu vertreten und zu propagieren. Ich wäre Sinnexperte einer Sinnagentur geworden, die über die letzten Dinge und Wahrheiten Bescheid zu wissen und Auskunft geben zu können glaubt.

Daran hat mich meine Skepsis gehindert. Sie hat es mir verunmöglicht, an mein ursprüngliches Berufsziel zu gelangen und gab meinem Lebensweg eine andere Richtung.

Einige Züge meines Wesens

Am Schluss war es jedoch erneut diese Skepsis, die mich dem ursprünglichen Ziel wieder näher brachte, wenn auch in abgewandelter Form. Eine Erklärung dafür liegt in dem Zitat, das mich spontan so berührt hat: „Die Realität lügt, denn die Realität ist nicht realistisch. Es gibt nur eine Realität, die Ewigkeit.“

Unter diesem Leitgedanken blicke ich hier auf meinen Lebensweg zurück und versuche mir einen Reim auf seinen Lauf und seine Wendungen zu machen. Ich tue das in erster Linie in meinem Interesse und zu meinem Vergnügen. Gern schliesse ich mich aber auch dem Rat an, den Montaigne seinen Essais vorangestellt hat: „Ich wünschte, es könnte meinen Verwandten und meinen Freunden nützlich sein: Wenn ich nicht mehr bei ihnen bin, können sie in diesem Buche vielleicht einige Züge meines Wesens und meiner Gemütsart wiederfinden und dadurch das Bild, das sie von mir gewonnen haben, vervollständigen und beleben.“2Michel de Montaigne: Die Essais. An den Leser. Reclam, Stuttgart 1953, Seite